Kleiner Lagebericht aus Darwin NT, Australien (mT)
Hallo Freunde,
diesmal hat es mich nach Darwin in die Northern Territories nach Australien verschlagen. Ich wollte schon immer einmal gerne das Top End und die Wetlands des Kakadu National Parks in der Monsoon-Season sehen und die ganze Flora und Fauna einmal hautnah erleben. Vor fast 20 Jahren habe ich das ganze schon einmal in der Dry Season erkundet, was damals einen tiefen und bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte, die Billabongs (Wassertümpel), in denen sich Tausende von wunderschönen Vögeln, Fischen und auch Salz- sowie Süßwasserkrokidilen aufgehalten haben. Der nordaustralische tropische Dschungel, die Flüsse an der Grenze von Süß- und Salzwasser, das outback.
Diesmal hatte es mich nach Jabiru verschlagen, und schon auf der Hinfahrt mußte ich mit einem kleinen Hyundai Mietwagen auf der Arnheim Highway am Wildman River umdrehen, weil nur noch 4-wheel drive Fahrzeuge mit hohem Radstand durch die ca 40 cm Wasser mit starker Strömung durchgekommen sind. Etwas weiter am Mary River (der angeblich krokodilverseuchteste Fluß der Welt) war die Lage wohl ähnlich.
Daher bin ich die über 5 Std via Pine Creek nach Jabiru gefahren und hatte Glück, spätabends in der Dämmerung mehrere Känguru-Familien mitten auf der Straße noch rechtzeitig zu sehen und nicht anzufahren.
Beim Nourlangie-Creek hatte ich nach über 200 km Fahrt erstmals wieder ein Auto zu Gesicht bekommen, und dieses Auto ist vor mir gefahren, als der Fahrer mit ca 100 km/h voll in eine riesige Wasserlache über der Straße gefahren ist. Der hatte verdammtes Glück, und ich auch, denn dadurch konnte ich noch rechtzeitig abbremsen.
Anyway, die Monsoons waren gigantisch, es hatte in ein paar Tagen über 400 mm geregnet, und durch den Neumond am chinesischen Neujahrsfest am 31.1. gab es „King Tides“, Monster-Gezeigen, mit über 8 m Höhe vor der nordaustralischen Küste. Dadurch konnten die Flüsse die unglaublichen Wassermassen nicht ins Meer befördern, sondern das Wasser staute sich in den Wetlands. Dadurch waren viele Tausend qkm überflutet, und das nicht zu knapp. Fast alle Straßen waren gesperrt, und es kam wie es kommen mußte, kurz nachdem ich den Nourlangie Creek durchquert hatte, wurde auch diese Straße gesperrt. Dadurch saßen die paar Touristen, die um diese verrückte Jahreszeit in Jabiru waren, fest, denn die beiden Straßen, Arnheim Highway und Kakadu Highway waren durch strömende Wassermassen unbefahrbar. Da mein Flug erst ein paar Tage später war, machte ich mir noch keine Sorgen.
Anyway, es gab in dem 1000-Seelen Ort Jabiru, der eigentlich nur eine Miner-Stadt ist (die Ranger-Mine ist die größte Uranmine der Welt, dort arbeiten die meisten) neben den Rangern für den Kakadu-Nationalpark eigentlich nur die BP-Tankstelle mit Autowerkstatt, das Hotel und so gut wie kein Telefon und nur ein bißchen Internet.
http://kakaduroadreport.wordpress.com/
http://www.ntlis.nt.gov.au/roadreport/obstructions-byregion.jsp#TOP%20END
Es war interessant, wie die Dynamik dann in diesen Tagen der Eingeschlossenheit ablief. Ein spanisches Pärchen, das in Singapur arbeitete, konnte sonntags seine Rückfahrt nicht antreten, ein chinesisches Ehepaar mit 9-jährigem Sohn mußte dienstags raus (wie ich auch), ein österreichisches Pärchen hatte einen 4-Wheel Drive, aber nicht diesen Luftansaugstutzen, der bis zum Dach ging. Die meisten hatten kleine Leihwagen wie ich auch, die leicht bei den Wassermassen weggespült würden bzw. wo der Motor durch Wassereintritt in den Luftansaugstutzen oder in die Elektrik Schaden nahm.
Weiterhin gab es noch eine einzelne junge Asiatin, die glaub ich eher im horizontalen Gewerbe tätig war, und einen Handwerker im Feuer-Sicherheitssektor, der kein Auto dabei hatte. Beide mußten ebenfalls raus und zurück nach Darwin.
Natürlich hatten die großen Autovermieter keine Station in Jabiru, und Anrufe in Darwin gaben als Auskunft, daß man für die Tage, die das Auto evtl. in Jabiru stehen würde, bezahlen müsse, sowie für einen Rücktransport, der ca 1000 AUD kosten würde, wenn man sich nicht selber darum kümmern würde und sie jemanden schicken müßten.
Einen Charterflug vom kleinen Flugplatz an der Ranger Mine ins 250 km entfernte Darwin für 6 Personen würde man für 1300 AUD bekommen, und Hertz bot der chinesischen Familie an, für 1760 AUD (1,5 AUD = 1 EUR) einen Laster aus Darwin nach Jabiru zu schicken und dann das Auto nach Darwin zurück zu transportieren.
Ich hab erstmal dafür gesorgt, daß ich genug zu Essen und zu trinken hatte und hab mich mit den Leuten in der Werkstatt und an der Tankstelle bekannt gemacht. Nach 2 Tagen Eingeschlossenheit hat man schon die Gesichter gekannt und gewußt, wo was war und wer was machte.
Anyway, nachdem ich mir angeschaut hatte, wie die Flüsse so waren und wie hoch die Überflutung über der Straße war, entschied ich, daß ich es nicht riskieren wollte, durchzufahren. Beim Hinlaufen zum Fluß sah ich noch zwei fast unglaubliche Dinge: zum einen war ein australischer Vater mit seinen 4 kleinen Söhnen (ca. 3-7 Jahre alt) direkt neben einem Wasserloch am Angeln, hinter einem Elektrozaun, wo große Warnschilder für Krokodile standen. Die Krokodile springen schon mal raus am Ufer und schnappen zu. Zum anderen lief ich nach vorne an die überflutete Brücke, rechts und links Wasser und Buschland soweit das Auge reicht, und ca 50 m hinter mir war ein australisches Pärchen. Als ich vorne an der Brücke ankam, sagten sie mir, daß direkt neben der Böschung, ca 1m von mir weg als ich vorbei gelaufen bin, ein großes Salzwasserkrokodil aufgetaucht ist und mich genau beobachtet hat, von hinten.
Da ist mir ein verdammter Schreck in die Knochen gefahren, und ich wußte, daß ich auch wieder durch diese Engstelle durch mußte, ein nur 1 m breiter, nicht überflutete trockener Streifen auf der Straße, hinter mir die überflutete Brücke, ca. 500 m weiter oben mein Auto, rechts und links Wasser, und links an der Böschung, praktisch auf Strassenhöhe (weil das Wasser so hoch war und ja schon z.T. auf der Strasse stand), das große Krokodil. Ich brauchte keine Yellow-Waters Bootstour, wo die Krokodile ja auch am Boot hochspringen. Das war Natur pur. Man against beast… Hat dann mit etwas Herzklopfen geklappt.
Da draußen ist sowieso Natur pur, wie einst in der Vor-Handy-Zeit vor 20 Jahren, das Handynetz war nur in Jabiru am Laufen, selbst das FM Radio hat nur im ca 10 km Umkreis funktioniert. Was da die ganzen Smartphone-Navi-Abhängigen gemacht haben beim Navigieren weiß ich nicht.
Als ich nur noch einen Tag hatte bis zu meinem Weiterflug aus Darwin, mußte gehandelt werden. Es sollte noch 3-4 Tage dauern, bis die beiden einzigen Zufahrten wieder befahrbar waren.
Der Österreicher ist frühmorgens mit seinem relativ hohen 4WD Leihwagen auf Teufel komm raus durch die überfluteten Stellen gefahren und durchgekommen. Wir haben dann später miteinander telefoniert und er hat gesagt, daß normale Autos wegen der brutalen Strömung keine Chance haben und einfach weggespült würden, gleich ins krokodilverseuchte überflutete Land neben der Strasse hinein.
Also bin ich zur Werkstatt, hab den Besitzer gefragt, ob er meinen kleinen Wagen auflädt und durch die rauschenden Wassermassen fährt, was er erst nicht wollte, aber 250 AUD (ca 150 EUR) cash haben ihn überzeugt.
Ich bin noch kurz ins Hotel gefahren und habe den Spaniern und Chinesen Bescheid gesagt. Der Chinese meinte nur, das sei ja super günstig, klar, anstatt seiner 1760 AUD, und der Spanier hat auch mitgemacht. Natürlich hatte der Chinese kein Cash dabei, der Spanier schon. Da die Möglichkeit bestand, daß nach der Furt dann noch ein weiterer Abschnitt überschwemmt war und man dann in einem Niemandsland von ca 150 km Länge eingesperrt bleiben würde mit einem halben Dutzend Leuten, hab ich den anderen gesagt, sie sollten sich mit Essen und was zu Trinken eindecken an der Tankstelle. Vom Chinesen hat auch die Kreditkarte nicht mehr funktioniert, die war maxed out.
Was mich am meisten geärgert hat: der gute Mann von der Tankstelle hat bereits mit seinem Abschleppwagen gewartet und es hieß: in 5 min geht’s los, der Chinese mußte natürlich noch sein Auto auftanken (das hatte ich natürlich direkt schon nach der Ankunft gemacht, klar im Outback wo nur alle 200 km eine Tankstelle ist und man weiß ja nie). Futter hatte ich sowieso, genau wie Wasser, sowie ein paar Hundert AUD cash sowie auch SGD und EUR sowieso. Sowohl Chinesen als auch Spanier ließen sich dann beim Shoppen in der Tankstelle nochmal 15 min Zeit, aber der Hammer war dann, daß die dann noch einen Australier und eine weitere Asiatin vom Hotel mitgenommen haben, die natürlich nix für die Aktion bezahlen wollten. Die Asiatin hatte noch nicht mal cash dabei, geschweige denn was zu essen oder zu trinken und lief mit Stöckelschuhen und Handtäschchen rum. Ich habe ihr dann gesagt, sie solle dem Abschleppwagen-Fahrer 50 AUD Trinkgeld geben, aber sie hatte nix, da hab ich ihr noch 50 AUD geliehen und mir das dann von ihr an der nächsten Tankstelle mit Geldautomat zurück geholt.
Anyway, in ca 20 km Entfernung vom Ort Jabiru hat der Werkstattmann die 3 Wagen dann über die Furt gefahren und zum Glück ist alles gut gegangen. Die Strasse war danach allerdings kaputt, weil es den Asphalt dabei aufgewellt hatte und das strömende Wasser hat ganze Asphaltpatches von mehreren qm weggespült. Beim Schotterbelag unten drunter konnte das schnell fließende Wasser dann umso mehr wegspülen.
Mir hat diese kleine Episode jedenfalls gezeigt:
a) Der Deutsche hat natürlich mal wieder gehandelt, als Not am Mann war, und das gleich für alle, anstatt nur für sich selbst.
b) Der Chinese (ca 40 Jahre alt, Frau etwas jünger, Kind ca 10 Jahre alt) hätte den 8-fachen Preis gezahlt und es wäre ihm egal gewesen
c) Der Spanier hat einfach abgewartet und Urlaub genommen, obwohl er schon montags wieder hätte in SGP arbeiten sollen
d) Die kleine Asiatin (max ca 25 Jahre) aus dem vermutlich horizontalen Gewerbe wäre als erstes in einer echten Notsituation draufgegangen, oder sie hätte am ehesten überlebt, indem sie sich entsprechend aufgestellt hätte.
e) Cash ist King bei sowas.
f) Wer mit Futter und Wasser vorbaut, hält es auch länger aus
g) Bei der nächsten Katastrophe wird es die junge Generation Chinesen, die nur noch Shoppen, Smartphone und Malls kennen, zu Millionen dahin raffen. Die überleben keine 2 Tage ohne ihre Shopping Mall. Ich war überhaupt entsetzt, wie hilflos die Leute heutzutage bei sowas sind. Dort in Jabiru zählt noch echt das Wesentliche, ich habe fast keinen mit Smartphone und Scrollfinger und WattsApp gesehen wie sonst in S- und UBahn.
h) Auch der Spanier war verdammt hilflos, das hat mich doch erstaunt. Ca 40 Jahre alt.
i) Der Österreicher, der brutalst einfach durch das Wasser gefahren ist auf Deufel komm raus und der Deutsche, der das Ganze für das halbe Dorf organisiert hat, haben den Laden wieder mal geschaukelt.
j) Der Australier hat den Spaniern noch 50 AUD für die Mitfahrt in die Hand gedrückt, so daß die nur 200 AUD netto bezahlt haben. Ich habe natürlich 250 gezahlt, und der Chinese bekommt die 250 AUD von seiner Firma bezahlt, er war nämlich Reisejournalist, seine Frau hat die Fahrt durch die Furt aus dem Führerhaus raus mit dem ipad gefilmt, wahrscheinlich kriegt er noch einen Bonus für die aufregende Reportage und geht mit Gewinn aus der ganzen Sache raus. Seiner Firma hab ich noch 1760-250 AUD gespart. Die kleine Asiatin hätte einen free ride bekommen, wenn ich sie nicht zu den 50 AUD Trinkgeld gezwungen hätte.
k) Der Werkstattfahrer hat einen guten Tag für seine Firma gehabt, 750 AUD Einnahmen für 1h arbeiten und 2x20 km Strecke, aber er hatte das Risiko, daß ihm sein Wagen weggespült wird, Wasser in den Motor, die Elektrik etc kommt usw. Für die drei Fuhren hat er brav 3 Quittungen a 250 AUD ausgestellt, und ohne die 50 AUD Trinkgeld hätte er noch nicht mal selber was davon gehabt.
l) Die Moral von der Geschicht: diejenigen, die das Boot rudern, haben immer am wenigsten davon. Spanier und die neue Oberschicht aus China sind immer die Profiteure, und die Deutschen zahlen
PS:
Noch eine Bemerkung: beim Abflug von Darwin (inneraustralisch) wollte ich schon meine Getränke im Handgepäck wegwerfen, als die nette Dame an der Sicherheitskontrolle sagte: kein Problem, Getränke und Flüssigkeiten sind inneraustralisch erlaubt. DAS nenne ich mal gesunden Menschenverstand! Nach 13 Jahren Passagier-Kontroll-Terror auf den Flughäfen durch die Amis und die EU mit ihren irrsinningen und willkürlichen Regeln, die die Passagiere nur sinnlos quälen, habe ich mich gefühlt wie vor 2001, als wäre in einem vermieften Raum ein Fenster der Freiheit aufgestoßen worden. Ein Lob an die Australier und an Qantas!
gesamter Thread:
- Kleiner Lagebericht aus Darwin NT, Australien (mT) -
DT,
04.02.2014, 23:28
- Danke für den spannenden Bericht, DT! (oT)
-
Athen,
04.02.2014, 23:44
- Danke für den amüsanten Bericht + Problem Solving (mB) - Junger Criticus, 05.02.2014, 00:39
- Super, Danke! (oT)
-
Basel,
05.02.2014, 05:55
- Das weckt Erinnerungen ... -
FOX-NEWS,
05.02.2014, 08:46
- Da geht mir das Herz auf - der_Chris, 05.02.2014, 22:32
- Schöner Anschauungsunterricht für meine Kids -
007,
05.02.2014, 09:23
- Tja, so ist es, wenn man Verantwortung für andere von klein auf lernt. -
Olivia,
06.02.2014, 14:34
- Olivia: das bringt mich auf eine Idee: (mT) -
DT,
06.02.2014, 22:53
- Genau die gleiche Idee hatte ich. :-) - Olivia, 07.02.2014, 10:29
- Olivia: das bringt mich auf eine Idee: (mT) -
DT,
06.02.2014, 22:53
- Tja, so ist es, wenn man Verantwortung für andere von klein auf lernt. -
Olivia,
06.02.2014, 14:34
- Danke für den spannenden Bericht, DT! (oT)
