Hier irrt der Herr Professor ...
Hi,
Hankel redet mM nach ziemlichen Käse:
1) Prinzipiell mal muß man sagen, dass alles, was es einer primär exportorientierten Wirtschaft ermöglicht, das Rad noch einmal weiterzudrehen, gut ist. Der Euro reduzierte Transaktionskosten und macht das Verkaufen außerhalb der DM-Welt leichter, ergo war er von diesem Blickwinkel aus schon mal nicht schlecht.
2) Werke in Deutschland und anderswo sind lange vor dem Euro "wegrationalisiert" worden. Primärer Treiber war keineswegs die gemeinsame Währung, sondern der sich zunehmend konstituierende EU-Binnenmarkt, inkl. seiner Ausdehnung in EU-Randgebiete wie die Schweiz. In den Branchen, in denen ich zur damaligen Zeit tätig war (Konsumgüter) standen "D-A-CH"-Projekte an der Tagesordnung, soll heissen, die Rationalisierung von Produktionskapazitäten an einem Standort statt 3en (meist in Deutschland!), weil durch die vonstattengehende Integration "Komplexität" aus den Produkten als auch aus den Prozessen entfernt und somit auf höherer Ebene standardisiert werden konnte. In meiner Branche waren das zB so simple Dinge wie "mehrsprachige Verpackungstexte" (inkl. gesetzlich genormter Angaben), die früher so blühende Fabriken in Österreich und der Schweiz von einem Tag auf den nächsten killten.
3) Das mit dem "hohen" und "höchsten" Lebensstandard der Deutschen in der EU hält meiner Meinung nach empirischen Beobachtungen nicht stand. Statistisch gesehen haben die Italiener glaube ich den höchsten "Lebensstandard" innerhalb der EU, zumindest waren sie eine Zeitlang vorne (kenne die aktuellen Zahlen nicht).
4) Die angeblich "höheren Zinsen" (läßt sich das empirisch belegen? glaube ich fast nicht) verstehe ich schon überhaupt nicht. Die EZB guckt doch nicht arithmetisch auf die einzelnen Länder und dividiert dann simpel durch die Anzahl der Euro-Länder, sondern wird ja wohl gewichten. D.h. der Zustand der deutschen Wirtschaft flösse gewichtet nach seinem Anteil sehr wohl in die Zinsentscheidungen der EZB ein.
5) Was aber Herrn Professor völlig zu entgehen scheint, ist das der Euro, durch die "wirtschaftliche Schwäche" anderer Länder (wie er schreibt), und damit seiner relativ niedrigeren Bewertung im Vergleich zur alten D-Mark, es der deutschen Wirtschaft erlaubt, am Weltmarkt wettbewerbsfähiger zu sein, ohne selbst eine verstärkte, effektive Abwertung vorzunehmen, i.e. durch stagnierende Reallöhne ("moderate Lohnpolitik"). Eine solche gab es in den letzten Jahren durchaus, meine These jedoch, dass sie mit der D-Mark als rein "deutsche" Währung deutlich schärfer ausgefallen wäre. Oder anders gesagt: der Euro hat es den Deutschen erlaubt, sich auf Kosten der Holländer, Franzosen und Italiener "wettbewerbsfähiger" zu machen.
gesamter Thread:
- Der Euro – Fluch oder Segen? -
Skydiver,
19.02.2008, 00:31
- Hier irrt der Herr Professor ... -
weissgarnix,
19.02.2008, 03:07
- Deutschlands Zinsen -
octavian,
19.02.2008, 04:17
- Zinsentwicklung seit Euro-Einführung -
weissgarnix,
19.02.2008, 04:59
- Sorry, Euro kam natürlich erst 1999, Umlaufrendite sank auf unter 4% (oT)
-
weissgarnix,
19.02.2008, 05:07
- unterschiedliche Zinsniveaus - octavian, 19.02.2008, 05:32
- Sorry, Euro kam natürlich erst 1999, Umlaufrendite sank auf unter 4% (oT)
- Zinsentwicklung seit Euro-Einführung -
weissgarnix,
19.02.2008, 04:59
- Deutschlands Zinsen -
octavian,
19.02.2008, 04:17
- Klasse Interview - danke für den Link (mkT) - wirklich empfehlenswert - subwave, 19.02.2008, 03:08
- Hier irrt der Herr Professor ... -
weissgarnix,
19.02.2008, 03:07
