Buchempfehlung: "The forgotten man - A new History of the Great Depression" von Amity Shlaes
Hi,
vor ein paar Tagen ist mir in einem Bookshop auf dem Flughafen Heathrow dieses Werk in die Hände gefallen, das in 2007 das erste mal erschienen und offensichtlich noch nicht in Deutsch verfügbar ist.
Ich habe bislang nur die Einführung und das erste Kapitel gelesen, aber eines ist bereits jetzt klar: mit der schöngeistigen Vorstellung, dass Roosevelt durch seinen "New Deal" die Depression beendet hat, wird hier gnadenlos aufgeräumt. Roosevelt kommt in diesem Buch als fanatischer Staatsgläubiger rüber, der in radikaler Abkehr vom Kurs seiner Vorgänger versucht hat, einen "quasi-sozialistischen" Staat einzurichten. Einige führende Köpfe seiner engeren Entourage waren offensichtlich schwer angetan von den Sowjet-Kommunisten, und Roosevelt selbst wohl primär daran interessiert, die Wirtschaft der USA, welche in den 20ern ihre Blüte erlebte und ihre ganz großen Unternehmen hervorbrachte (Alcoa, Mellon, Carnegie, Ford, ...) unter seine staatsdirigistische Fuchtel zu bringen. An einer Stelle in der Einleitung wird die Frage glasklar aufgeworfen: "Warum dauerte die Depression in den USA bis praktisch zum Anfang von WW2, während in vielen europäischen Ländern bereits ab 1932 wieder erste Erholung zu erkennen war?"
Verschwörungstheoretiker dürften in diesem Buch also ebenfalls fündig werden (knapp 500 Seiten inkl. umfangreicher Bibliographie), gerade dann, wenn man es in Verbindung mit Büchern wie etwa "Roosevelts Weg zum Krieg" vom deutschen Historiker Dirk Bavendamm liest.
Die Autorin ist hingegen keine schwachmatische Revisionistin, sondern schreibt regelmäßig in allen Standardgazetten der westlichen Elite, soll heissen WSJ, FT, Bloomberg, etc. und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.
Wer in Englisch nicht soooo fit, sollte Amazon dennoch in den nächsten Monaten nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe scannen ...
Wenn ich es ausgelesen habe, schreibe ich hier vielleicht auch noch was, falls es was radikal neues zu berichten gibt.
Buchempfehlung
Hallo weissgarnix,
yo, Buchempfehlungen sind hier im Forum immer gerne gesehen.
Dank dafür!
Wenn ich es ausgelesen habe, schreibe ich hier vielleicht auch noch was,
falls es was radikal neues zu berichten gibt.
Wäre schön, wenn Du die Zeit für eine Zusammenfassung finden könntest.
Beste Grüße, Zandow
Vielleicht sollte wgn die Zusammenfassung gegen Geld dem Dobeli anbieten ...
Hallo wgn,
eine ordentliche Zusammenfassung von einem Wissenden wäre fast genial. Es soll da ja ein Börsen-Buch geben, wo der Übersetzer aus long/short lang/kurz gemacht hat. Lukrativ ist das ganze ja leider nicht.
Am Wochenende gibt es auf Bloomberg-Germany immer 3 Kurz-Buchvorstellungen von http://www.getabstract.com.
Am besten wäre natürlich, Frau Shlaes würde Ihre Erkenntnis auf 10 Seiten zusammenfassen und verkaufen. Dies aufblähen erfolgt bei den meisten Büchern doch nur, weil es sich so halt nur überhaupt verkauft läßt.
Schwachmatismus
Hi,
Ahoi,
vor ein paar Tagen ist mir in einem Bookshop auf dem Flughafen Heathrow
dieses Werk in die Hände gefallen, das in 2007 das erste mal erschienen
und offensichtlich noch nicht in Deutsch verfügbar ist.Ich habe bislang nur die Einführung und das erste Kapitel gelesen, aber
eines ist bereits jetzt klar: mit der schöngeistigen Vorstellung, dass
Roosevelt durch seinen "New Deal" die Depression beendet hat, wird hier
gnadenlos aufgeräumt. Roosevelt kommt in diesem Buch als fanatischer
Staatsgläubiger rüber, der in radikaler Abkehr vom Kurs seiner Vorgänger
versucht hat, einen "quasi-sozialistischen" Staat einzurichten. Einige
führende Köpfe seiner engeren Entourage waren offensichtlich schwer
angetan von den Sowjet-Kommunisten, und Roosevelt selbst wohl primär daran
interessiert, die Wirtschaft der USA, welche in den 20ern ihre Blüte
erlebte und ihre ganz großen Unternehmen hervorbrachte (Alcoa, Mellon,
Carnegie, Ford, ...) unter seine staatsdirigistische Fuchtel zu bringen.
An einer Stelle in der Einleitung wird die Frage glasklar aufgeworfen:
"Warum dauerte die Depression in den USA bis praktisch zum Anfang von WW2,
während in vielen europäischen Ländern bereits ab 1932 wieder erste
Erholung zu erkennen war?"
Das ist eine der Standardfragen, deren Antworten zumeist mit verschiedenerlei Dioptrien in den Perspektiven gegeben werden, so auch hier bei Madame bereits in deren Fragestellung eingebaut.
Im Hinblick auf die USA, es ist richtig, dass Roosevelt mit dem "New Deal" keinesfalls die Depression beendet hat, er hat sie damit lediglich "gedeckelt", so dass deren weiteres Anwachsen, in welchem Tempo und Massgrad auch immer, quasi "mechanisch" verhindert wurde. Umgekehrt kann man auch sagen, der "New Deal" hat die Talsohle als damals unterstes Grundfundament eingezogen, sodass ein weiteres Absinken verunmoeglicht wurde.
Tatsaechlich verschwanden die letzten Nebel der vorangegangenen Depression erst zum Eintritt der USA in WWII im Dezember 1941, es hat also weit mehr als 1/2 Jahrzehnt allein an Zeit gebraucht, um die wirtschaftlichen Folgen dieser Depression in den USA selbst vollstaendig zu beseitigen.
Im Hinblick auf Europa, es kann keine Rede davon sein, dass bereits 1932 "in vielen Laendern Europas wieder "erste" Erholung zu erkennen war", das ist die gleiche Diktionsart der Qualitaet, der deutsche Finanzminister wuerde sparen, nur weil er den Umfang der bisherigen staendig wachsenden Neuverschuldung nicht mehr in diesem Massgrad fortfuehrt, ohne dabei jedoch das weitere Anwachsen der Neuverschuldung voellig einzustellen.
Diese "wiederum erste Erholung" in vielen Laendern Europas bestand ausschlisslich darin, dass der vorherige Massgrad des deflationaeren Absinkens gebrochen war, die meisten Laender Europas hatten im Jahre 1932 die unterste Talsohle ihrer Depression erreicht.
Der Umstand, dass die meisten europaeischen Laender bereits 1932 auf ihrer jeweils untersten wirtschaftlichen Fundamentschicht standen, waehrend hingegen die USA weiterhin ihren depressiven Sinkflug fortsetzten, passt bestens in das wirtschaftliche Szenario der jeweils voraus gegangenen Zeitraeume, gemaess denen die USA aufgrund ihrer Position als Siegermacht des WWI inkl. dem Versailler Diktat in den 1920-er Jahren ihre volle wirtschaftliche Bluete auf ein Niveau anzuheben und zu feiern vermochten, welches den europaeischen Laendern in dieser Hoehe und Umfang gaenzlich versagt blieb.
Deren oekonomische Recovery in Folge des WKI und Versailler Diktat startete von einem erheblich niedereren Niveau aus und hatte auch infolge der spezifisch europaeischen Friktionen eine geringere Aufwaertskraft, sodass ihr depressives Absinken wiederum von wesentlich geringerem Hoehenniveau aus begann und dem gemaess auch zeitlich viel frueher die Talsohle erreichte.
"Erste Erholungen", sprich die wirtschaftliche Recovery Europas und damit das aufwaertsbewegende Verlassen der untersten oekonomischen Fundamentschicht, begann erst im Jahre 1933, nachdem Hitler im Deutschen Reich dessen Fuehrung uebernommen hatte und aufgrund der wirtschaftlichen Massnahmen das Reich zur europaeischen "Wirtschaftslokomotive" mit mehreren langsamer folgenden Laendern wurde, sodass im Deutschen Reich selbst im Jahre 1936 die letzten Nebel der vorherigen Depression beseitigt waren.
Verschwörungstheoretiker dürften in diesem Buch also ebenfalls fündig
werden (knapp 500 Seiten inkl. umfangreicher Bibliographie), gerade dann,
wenn man es in Verbindung mit Büchern wie etwa "Roosevelts Weg zum Krieg"
vom deutschen Historiker Dirk Bavendamm liest.Die Autorin ist hingegen keine schwachmatische Revisionistin, sondern
schreibt regelmäßig in allen Standardgazetten der westlichen Elite, soll
heissen WSJ, FT, Bloomberg, etc. und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.
Das Auditorium der Autorin ist kein Garant gegen Schwachmatismus welcher Art auch immer, es liegt allein an ihr selbst, sich von politisch korrekten Kolportierungen in selbst gewaehltem Massgrad frei zu halten.
Wer in Englisch nicht soooo fit, sollte Amazon dennoch in den nächsten
Monaten nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe scannen ...Wenn ich es ausgelesen habe, schreibe ich hier vielleicht auch noch was,
falls es was radikal neues zu berichten gibt.
Das wuerde auch ich sehr begruessen!
--
Gruss!
TD
Die StaSi tobt und Tassie kichert,
denn er ist Schaeuble abgesichert!
New Deal / Aktienkurse
Danke für die Vorstellung.
mit der schöngeistigen Vorstellung, dass
Roosevelt durch seinen "New Deal" die Depression beendet hat, wird hier
gnadenlos aufgeräumt.
Das hat Robert Prechter schon vor langer Zeit gnadenlos getan mit dem Hinweis darauf, dass die Aktienkurse Mitte 1932 ihr Tief hatten und seitdem wieder stiegen.
Denn: Börsenkurse sind immer die Vorläufer! Fundamentals (New Deal) folgen, so auch hier.
Danke, wirklich hervorragendes Buch!
Hi weissgarnix,
in der Tat, das Buch ist exzellent. Es räumt mit allem auf, was so als Depressionserklärung bzw. –remedien aufgetischt wurde (Friedman, Bernanke, Anti-GSler, etc.). Der „vergessene Mann“ ist jener, zuungunsten dessen sich andere einigen, ohne selbst von dieser Maßnahme betroffen zu sein. Nur ein Beispiel von heute: Politiker fahren Dienstwagen, die zu Nettopreisen betankt werden, beschließen aber höhere Steuern für die Autonutzer im Rest des Landes. Oder: Sie zahlen nichts für ihre Altersversorgung ein, lassen aber die Beschäftigten entsprechend bluten. Weitere Beispiele gibt’s genug.
Den „vergessenen Mann“ hatte übrigens der Yale-Soziologe Sumner um 1900 in die Diskussion eingeführt. Ursprünglich stammt die Idee vom Franzosen Bastiat, der schon ca. 60 Jahre davor über die „Dinge“ geschrieben hat, die „man sieht“ und die man „nicht sieht“ (sein berühmtes Beispiel mit dem Zoll auf flämische, billigere Erze).
Einige erzliberale Ökonomen haben das dann in ihren Werken weitergedacht und –verwendet (z.B. Hazlitt in seiner „Economics in One Lesson“ sowie die Mises-Companeros).
Zu Shlaes ist anzumerken, dass der ganze „New Deal“ von FDR eigentlich nichts anderem diente, als das Elend zu verlängern statt es abzukürzen. Dazu gehörten u.a.:
- Indirekte Steuereinführungen bzw. –erhöhungen, was die Kaufkraft der breiten Bevölkerung massiv minderte (der übliche Umweg über die Regierung als „Marktersatz“ oder: Der Staat weiß immer am Besten, wie mit dem Geld seiner Untertanen zu verfahren ist). Überhaupt hatten sich die Bundessteuern in den USA zwischen 1933 und 1940 fast vervierfacht.
- Allgemeine Anti-Unternehmer-Haltung („economic dictators“, „privileged princes“). Dazu mehr als 100 Antitrustverfahren, die fast alle für den Ofen waren. Andererseits ca. 700 Zwangs-Kartellierungen. Dagegen wiederum so Sachen wie ein Anti-Chain Store Act 1936, was die günstigere Beschaffung über über größere Chargen verunmöglichte.
- Die bekannte Mindestlohngesetzgebung, die Einstellungen erschwerten, neue Lohnsteuern sowie Forcierung der Gewerkschaftsbewegung. Was bekanntlich zu nichts führt, weshalb auch im „New Deal“ die Alo-Quote durchgehend bei ca. 17 % lag.
- Statt das Nahrungsmittelangebot (viele hungerten) zu maximieren, gab es Farm-Subventionen, so Ackerland untergepflügt und Tiere ins Schlachthaus getrieben wurden, um das Angebot künstlich zu „verknappen“.
- Anti-Bankengesetze, die verhinderten, dass die Geldhäuser diversifizieren konnten. Notabene: In Kanada, welches solche Mätzchen während der Großen Krise(n) nicht mitmachte, ging keine einzige Bank unter.
Das Buch ist ein Must-Read mit fundierten und massierten Details. Ich glaube, man wird auf eine deutsche Übersetzung lange warten. Denn der aktuelle Trend in diesem Lande geht just in FDRs Richtun: Die ganze nicht-politische "Klasse" ist der Vergessene Mann (Frau).
Das nur als kurzer Dank für den Hinweis + Gruß!
Die ersten 100 Seiten habe ich jetzt ...
Hi weissgarnix,
Zu Shlaes ist anzumerken, dass der ganze „New Deal“ von FDR eigentlich
nichts anderem diente, als das Elend zu verlängern statt es abzukürzen.
Dazu gehörten u.a.:
Hi dottore,
die ersten 100 Seiten habe ich jetzt "verschlungen", und bis hierher war eigentlich Hoover zunächst mal der große Übeltäter, der - ganz Ingenieur - seiner Theorie der "beneficent hand" freien Lauf ließ und damit alles nur verschlimmerte: die Aufforderung an die Industrie, die Löhne hochzuhalten, die Zölle der Smoot-Halley-Bill, die hastige Regulierung der Börse (short selling) ... aber ich komme gerade an die Stelle, an der sich FDR drauf vorbereitet, in den Ring zu springen, Hoover anfängt, sich resignierend seine eigene Version der Glasmenagerie aufzubauen, und Mellon sich darauf beschränkt, das beste aus der Situation für sich selbst rauszuholen, in dem er kräftig Kunstwerke aus der russischen Hermitage zu Dumping-Preisen aufkauft ...
Ich ahne, warum den ausgesuchten Passagieren der "President Roosevelt" auf ihrem Weg nach Russland (und zu Stalin), also Chase, Tugwell, Douglas & Co. auf den vorherigen Seiten so derart viel Raum zugestanden wurde ... man begegnet ihnen demnächst wieder, nicht wahr ?
Aber pssst ... nichts verraten!
Warum wurde FDR dann wiedergewählt?
Zu Shlaes ist anzumerken, dass der ganze „New Deal“ von FDR eigentlich
nichts anderem diente, als das Elend zu verlängern statt es abzukürzen.
Dazu gehörten u.a.:
Das nur als kurzer Dank für den Hinweis + Gruß!
Wie ist denn dann zu erklären, dass FDR immer wieder gewählt wurde?
Oder gilt tatsächlich der Spruch: Nur die dümmsten Kälber....?
Gruß Mephistopheles
Andere empfehlenswerte Literatur?
Hallo dottore,
gibt es daneben noch andere empfehlenswerte Literatur zu FDRs New Deal - insbesondere solche, die für den Laien verständlich ist und sich kritisch mit den Auswirkungen des New Deal beschäftigt?
Nebenbei gefragt: lag dem, was man als New Deal zusammenfaßt, überhaupt ein einigermaßen in sich stimmiges (wenn auch nicht unbedingt richtiges) Konzept zugrunde, oder ging das eher in die Richtung eines mehr oder weniger planlosen Herumprobierens mit verschiedensten Maßnahmen?
Danke und schönen Gruß!
