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Vom Goldgeld zum Kriegsgeld. Ansichten eines Marxisten ohne die üblichen Scheuklappen.

prinz_eisenherz, Samstag, 29.03.2008, 00:22 (vor 6521 Tagen)

Mein Angebot für das Wochenende. Ein Marxist der anderen Art.
Keiner von den linken Fantasten, die aus den Kinderschuhen des deutschen Idealismus und der Naturfrömmelei nie herausgewachsen sind. Die mit ihrer bekifften Hohlbirne permanent pendeln zwischen „Hängt die Kapitalisten auf“ und „Hoch lebe die proletarische Weltrevolution“. Bei denen zwischen diesen beiden Enden ihres kindlichen Weltbildes man gerade noch so ein verrosteter Hammer und eine stumpfe Sichel passt.

Ich fand die Betrachtungen - ein längerer Text, aber nicht langweilig - ich fand ihn recht bemerkenswert. Eine Analyse, wie man sie bei guten Marxisten immer wieder lesen kann, bei denen man sich ein gewisses Querdenken bewahren sollte.

Eine Kostprobe, viel Spaß
eisenherz
***************************************************************
An die Stelle des Dollar aber kann kein neues Weltgeld treten, auch wenn der Euro dazu hochgejubelt wird.>>>

( ... )

Die größte Finanzblase aller Zeiten und das US-Konsumwunder
Die innere Schranke der realen Kapitalverwertung in der dritten industriellen Revolution trieb überall die Flucht in den Kreditüberbau und in eine Finanzblasen-Ökonomie hervor. Diese finanzkapitalistische Krisenwirtschaft mußte sich zwangsläufig im vermeintlich „sicheren Hafen“ des Dollar-Raums konzentrieren. Je mehr überschüssiges Geldkapital auf den globalen Finanzmärkten vagabundierte, desto größer wurde die Saugkraft der USA, um diese Geldströme anzuziehen. Auf diese Weise entstand in Gods Own Country die „Mutter aller Finanzblasen“. Über den Verkauf von Staatsanleihen in alle Welt wurde damit nicht nur der verschuldete Rüstungsboom finanziert. Parallel dazu blähten sich auch die US-Aktienmärkte in den 90er Jahren und die US-Immobilienmärkte nach der Jahrhundertwende entsprechend auf. Damit wurde die Basis für eine neue Qualität der Verschuldung gelegt.

Neben dem militärisch-industriellen Komplex entstand so die zweite Säule eines „irregulären“ scheinbaren Wachstums der Binnenökonomie in den USA. Aufgrund der im Vergleich zu Europa sehr breiten Streuung des Aktien- und Immobilienbesitzes konnte ein paradoxes „Konsumwunder“ seinen Lauf nehmen. Obwohl die durchschnittlichen Reallöhne seit den 70er Jahren stagnierten oder sogar rückläufig waren (vgl. Thurow 1996), wurde der Konsum immer mehr zum entscheidenden Wachstumsträger. Das periodisch stets von neuem beschworene „Jobwunder“ war keineswegs die eigentliche Ursache dieses Booms. Denn abgesehen von der selber am Tropf der Staatsverschuldung hängenden Beschäftigung im militärisch-industriellen Komplex entstanden vor allem Billigjobs im Dienstleistungssektor, die berühmte „beschäftigte Armut“. Aufgrund der Schwäche auf dem Weltmarkt ist auch die Beschäftigung im Exportsektor eher rückläufig.

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Dank und weiter führend.

Georges, Sonntag, 30.03.2008, 05:46 (vor 6520 Tagen) @ prinz_eisenherz

Vielen Dank lieber Prinz.
Ein wirklich interessanter Artikel. Liegt auf der Linie des Geheimtipps der jüngeren französischen Philosophie, Jean-Claude Michéa, über den ich leider keine Texte in Deutsch gefunden habe. Sein Buch "L'Empire du moindre mal" ist in meinen Augen eine der zutreffensten Kritiken der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten 2 Jahrhunderte. In der Linie von Mauss und dem anarchistischen Freiheitsgedanken von Orwell zeigt er dezidiert und exemplarisch auf, wie linkes und rechtes Gedankengut eigentlich die Seiten einer gleichen liberalen Münze sind, bei der die Linken die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Rechten, losgelöst von "konservativem christlichen Ethikgedöns" die wirtschaftlichen Grundlagen einer sogenannt neoliberalen Wirtschaft erstellen.
Eine gute Rezension des Buches gibt es hier. Leider auch auf FR.

http://journaldumauss.net/spip.php?article175

Auch interessant dieser Artikel von Behrens im Freitag
Wenn gleich der Autor noch viel zu sehr an traditionellem politischen Gedankengut verhaftet ist, kommt er doch zu dem Schluss, dass es an der Zeit ist, Zukunftsszenarien für die nächsten Jahrhunderte zu entwickeln, die aus dem Dilemma der "Metaphysik der Sachzwänge" (Michéa) herausführen. Was nach unserem guten Dottore leider unmöglich ist, aber, und Gott seis gedankt, gibt es ja auch noch Optimisten auf der Welt. [[zwinker]]

Einen schönen Sonntag noch,
Georges

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Hallo Georges, freut mich das es dich interessiert hat, aber...

prinz_eisenherz, Sonntag, 30.03.2008, 13:43 (vor 6520 Tagen) @ Georges

danke für die Blumen, aber ich kann kein einziges Wort französisch. Gut, gut, einige Wörter schon, wenn es um das gute Essen geht, aber eigentlich so gut wie gar nichts, denn ich bin ein geborener Sprachlegastheniker. Alles was visuell zu erfassen ist, das kann ich gut, bis erstaunlich, aber alles was mit Tönen, mit Musik, folgerichtig auch mit Sprache zu mir rüber kommt, da kann ich mich schlechter als mangelhaft einfühlen. Fordere mich ja nicht auf dir etwas vorzusingen, wenn du nicht riskieren möchtest, das dir augenblicklich übel wird.
[[lach]]

Spaß beiseite, das ist tatsächlich eine Schwäche von mir, die ich nie überwinden konnte. Bis auf leidliches englisch lesen und auch sprechen, vor vielen Jahren mal ganz gut die italienische Sprache, bauche ich viel zu lange, um mich in einer Fremdsprache heimisch zu fühlen. Ich habe aufgegeben. Man sollte auch akzeptieren, das man etwas schlecht kann.

Trotzdem, vielen Dank für deine Literaturhinweise. Ob so oder so, wenn ich mehr Zeit hätte, dann würde ich auch gerne viel mehr lesen wollen.

Zu dem Artikel selbst, als Ergänzung, als gelernter Marxist, den ich mal zwei Semester studieret habe, studieren wollte, fand ich die klare, knochentrockene Sicht im Text äußerst wohltuend. Wenn es sein muss, dann raffe ich mich schon mal auf gegen das große, stählerne Ungeheuer, USA genannt, aus allen Rohen mit Gülle zu spritzen, aber bei einem Thema wie Geld, die Art des Geldes, seine Funktion und seine Wandlungen, da sollte man versuchen die Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren.

Was mir jedenfalls vor zwei Jahren, zu meiner eignen Überraschung, aufgefallen ist, das PCM in seinem Buch über den Kapitalismus, ausgesprochen oft Marx und Rosa Luxemburg als Hilfsmuster verwendet. Das würde man bei diesem Mann und dem Titel des Buches nicht unbedingt vermuten.

Gruß
eisenherz

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