Finis Germaniae
Alter Text, vielleicht schon bekannt, immer noch treffend:
Finis Germaniae?
Reflexionen über demografische Ursachen von Revolutionen, Kriegen und politischen Niederlagen
von Gunnar Heinsohn
Die Niederlage der Deutschen bei Jena im Oktober 1806 fällt vernichtend aus, dann aber werden von den Geschlagenen die logischen Schlüsse gezogen. Erstens: Die Vermehrungspolitik soll weitergehen, und zweitens soll »Besitz« endlich zu »Eigentum« transformiert werden. Erst so lassen sich Liegenschaften bei Banken verpfänden. Die dadurch abgesicherten Kredite finanzieren Investitionen. Die Bedienung der Zinsen verlangt Wachstum durch technischen Fortschritt. Man will werden wie England. Denn das hält sich eisern gegen Napoleon, der noch aus dem besetzten Berlin die totale Wirtschaftsblockade des Inselstaates verhängt. Die Freiherren Stein und Hardenberg aber erreichen bis 1811, dass nun jeder alles kaufen kann, auch der wohlhabend gewordene Leibeigene von gestern die Güter eines heute bankrotten Fürsten. Schon drei Jahre später kann sich Preußens Blücher bei Waterloo mit Wellington den Sieg über den korsischen Ausnahmeführer teilen. Bis 1860 wird Frankreich – seit dem Mittelalter Europas volkreichstes Territorium – in der Menschenzahl überholt. Und bereits 1871 besiegen die Deutschen im Alleingang die Nation, der im 17. und 18. Jahrhundert niemand die Vormacht entreißen kann. Bis 1910 wird das Pro-Kopf-Einkommen der Industriewiege England von den Deutschen übertroffen. Naturwissenschaftliche Pionierleistungen und technische Großleistungen erwartet die Welt von nun an aus Mitteleuropa. 1914 verfügen die beiden Kaiserreiche von Berlin und Wien über 100 von 1000 kampffähigen Männern (15 - 29 Jahren) weltweit. Bei der heutigen Supermacht USA sind es mit 30 (2005) nicht einmal ein Drittel davon. Großbritanniens Landstreitkräfte haben einen Umfang, der – so spottet Bismarck – ihre Festnahme durch die preußische Polizei erlaubt. Griffe nach der Weltmacht sind schon aus schwächerer Position versucht worden.
Die Niederlage von 1918 erklärt sich später einer der Geschlagenen aus mangelnder Rücksichtslosigkeit. Gewissensbisse, die er für eine jüdische Erfindung hält, sollen von nun an keinen deutschen Triumph mehr verhindern. »Wenn ich Krieg zu führen habe … würde [ich] ihn nicht wie das Deutschland Wilhelms II. führen, das ständig Gewissensqualen wegen der vollständigen Anwendung seiner Waffengewalt hatte. Ich werde bis zum letzten rücksichtslos kämpfen.« 1
Heute, im Jahr 2005, gibt es auf 10 000 Einwohner 40 neugeborene Söhne in Deutschland. In den Jahren 1900 - 1914 waren es mit 160 viermal so viel. Sie bleiben vom Ersten Weltkrieg verschont. Aus ihnen rekrutieren sich die paramilitärischen Millionenheere von links und rechts der Zwanziger Jahre. Die radikalen Parteien waren viel stärker generations- als politikgetrieben. Nicht nur die Schwarzhemden Mussolinis, sondern auch die Braunhemden Hitlers sind zu 80 Prozent unter 30 Jahre alt. 2 Mit ihnen sollen im September 1939 nicht einfach neue Provinzen erobert, sondern die Gebiete zwischen Danzig und dem Ural ausgemordet und dann deutsch aufgesiedelt werden. Damit die jüdische Ethik der Lebensheiligkeit das Töten von über 150 Millionen Menschen nicht behindert, werden parallel zu den Vernichtungsfeldzügen im Osten die für ansteckend gehaltenen Träger des Fünften Gebotes in einem Genozid zur Wiederherstellung des Rechts auf Völkermord vergast, erschossen oder zu Tode gequält.
Während der Vernichtung von sechzehn Millionen Juden und Slawen verlieren die Deutschen selbst vier Millionen ihrer Schlimmsten und Besten an den Fronten der halben Welt. Sie spüren, dass sie einen dritten Anlauf nicht mehr unternehmen werden. Kommen sie zur Besinnung, weil tausend Jahre urbanen Glanzes ihrer schönsten Städte zu Schutt gebombt wurden? Werden sie »kriegsmüde«, weise und dann sogar pazifistisch? Ihre Professoren und Sozialpädagogen zumindest glauben an den Erfolg ihrer Forderung nach herrschaftsfreiem Dialog. Selbst aus dem Ausland gibt es Preise für eine neue deutsche Diskursethik. Politiker aller Parteien positionieren ein neues Deutschland als Friedensmacht. Aber erleben wir hier wirklich einen Sieg der Philosophie über niedrige Instinkte?
1948 scheitert die arabische Seite an der Auslöschung des soeben durch die UNO geschaffenen Israels. Im Gegenzug werden – ganz ähnlich wie die Deutschen – Palästinenser von Niederlage, Teilung und Vertreibung getroffen. Aber haben deshalb auch sie ihre Träume von Sieg und Vernichtung aufgegeben? Hätte Deutschland sich nach 1945 vermehrt wie die Palästinenser oder gar seit 1900 wie der Gesamtislam, stände die Menschheit vor einer deutschen Nation von 600 Millionen – mit 75 Millionen jungen Männern zwischen 15 und 29. Die welthistorisch größte Invasionsarmee – Hitlers Heer für die Zerschlagung Sowjetrusslands im Juni 1941 – attackierte mit 3,2 Millionen Mann. Würden also 75 Millionen deutsche Jünglinge zehnmal so viel Pazifismus aus Germany in die Welt tragen wie die 7,5 Millionen, die jetzt so vorbildlich friedfertig auftreten? Oder gäbe es Anschläge in Königsberg, Danzig und Prag, weil die fortschrittliche deutsche Jugend doch nicht für die Verbrechen der Nazis bestraft werden dürfe? Bliebe das Uran in den Schächten des Erzgebirges oder müssten die Nachbarn einen vorbeugenden Schlag gegen deutsche Reaktoren ins Auge fassen? Wird also im modernen Deutschland nur gewöhnliche Impotenz als hehre Tugend ausgegeben?
8000 deutsche Fremdenlegionäre kämpften in Dien Bien Phu
Wer nicht 1930 in Lille oder Marseille geboren wurde, konnte 1950 in Indochina nicht mitschießen. Frankreich kam mit geringsten Verlusten durch den Zweiten Weltkrieg, aber die Armeen, die man im September 1939 schonte und im Juni 1940 an der Maginotlinie kapitulieren ließ, sind in den 1950er Jahren schon zu alt für den Dschungel. Unbekümmert um Ho Chi Mins wirkungsvolle Propaganda gegen das Pariser Bündnis mit Alt-Nazis kamen 45 000 Deutsche aus Wehrmacht und Waffen-SS zum Einsatz. 5 000 von ihnen starben in Uniformen der Fremdenlegion. In der Entscheidungsschlacht von Dien Bien Phu kämpften neben 6 000 französischen Fallschirmjägern, deren Ehrenkodex ein Davonlaufen verbot, 10 000 Legionäre. 80 Prozent waren Deutsche. Nach einem Ringen »wie in einer mythischen Gotenschlacht« (Scholl-Latour) verloren sie im Frühjahr 1954 fast tausend Mann und rissen 20 000 Viet-Min mit ins Grab. Die modernen Waffen für Frankreichs Kolonialkrieg stammten aus Beständen der USA. Es waren allein die Siege Amerikas über Deutschland, Japan und die chinesischen Verbände in Korea, die eine Erneuerung des gallischen Imperialismus ermöglichten und Hitlers letztes Aufgebot an seine Seite führten.
Und doch muss zwei Jahrzehnte später auch Amerika das Weite suchen. Obwohl bei eigenen Verlusten von über 50 000 Mann mehr als 1,8 Millionen Gegner fallen, können die Vietnamesen die Weltmacht jedes Jahr mit 400 000 neuen Kriegern überraschen. In den Kampfjahren gegen Paris (1946 - 1954) wächst Vietnams Bevölkerung gerade mal um 3 Millionen (von 27 auf 30). Zwischen dem Beginn des Großkrieges im Jahre 1965 und dem Abzug der GIs im Jahre 1975 aber schnellt sie um 10 Millionen nach oben (von 37 auf 47). Ohne es zu wissen, gewinnen die Asiaten mit einer ureuropäischen Waffe, für die es damals noch keinen Namen gibt und die mittlerweile als Youth Bulge gefürchtet wird. Europäer und Amerikaner wiederum müssen sich geschlagen geben, weil bei ihnen diese Waffe nicht mehr geschmiedet wird. Erst 1970 spürt Gaston Bouthoul: »In Wahrheit war die Entkolonisierung eine Flucht der Europäer vor der Überbevölkerung.« 3 Pro Frau wachsen damals in Indochina zwei bis vier Söhne auf, von denen mindestens die Hälfte im Krieg »verbraucht« werden kann, ohne dass es an Nachwuchs für die Reisfelder und Werkstätten mangelt. Auf westlicher Seite aber kämpfen zunehmend einzige Söhne oder gar einzige Kinder.
Inzwischen kämpfen die Europäer nicht mehr um Kolonien, sondern um die Führung in der Weltwirtschaft. Diesen Kampf haben sie aber schon verloren. Kopf an Kopf liegen Frankreich und die Bundesrepublik bei den europäischen Wettkämpfen in Bush-Gegnerschaft. 85 von 100 Franzosen fühlen eine tiefe Ablehnung gegen den US-Präsidenten und gewinnen Gold. 83 von 100 Deutschen schaffen mit demselben Gefühl Silber. Bronze fällt an Spanien mit 81 Prozent. Dafür erringen die Iberer Gold bei der generellen Ablehnung einer amerikanischen Weltmachtrolle (72 Prozent), während Frankreich diesmal nur Silber einheimst (69 Prozent) und Deutschland (60 Prozent) sich sogar hinter Italien auf dem vierten Platz wiederfindet. Ein zweites Silber gewinnt die Bundesrepublik dann aber bei der Einschätzung einer amerikanisch dominierten NATO. Während 2002 noch 74 Prozent das Bündnis für lebenswichtig halten, geht man bis 2005 auf 59 Prozent herunter. Vor den Deutschen rangiert wieder Italien (68 auf 52) mit einem Fall um stattliche 16 Prozentpunkte. 4
70 Prozent aller Europäer wollen die EU als Supermacht im Rang der USA sehen, und 59 Prozent lehnen deren globale Führungsrolle rundweg ab. Aktiv betreiben eine solche Politik bisher jedoch nur die Führungen Frankreichs und Deutschlands. Welches Potenzial können sie in Stellung bringen? Bei Eigentumsstruktur und Wirtschaftsleistung unterscheidet man sich von der angloamerikanischen Welt zwar graduell, aber noch nicht dramatisch. Im Kaufkraftvergleich stehen mit jeweils 28 700 US-Dollar Deutsche (37 Millionen Beschäftigte) oder Franzosen (25 Millionen Beschäftigte) im Jahre 2004 bei achtbaren 72 Prozent der Amerikaner (140 Millionen Beschäftigte; 40 100 US-Dollar). Auch die Armut liegt 2004 in Deutschland (vierköpfige Familie mit zwei Ver- dienern unter 16 000 Euro jährlich) mit 13,5 Prozent kaum höher als in den USA (12,7 Prozent unter 19 300 Dollar jährlich). An öffentlichen Schulden schultern die USA 65 Prozent, die Deutschen 65,8 Prozent und die Franzosen 67,7 Pro- zent einer Jahresproduktion. Allerdings müssen die Lasten Frankreichs und Deutschlands von schrumpfenden und sich dequalifizierenden Bevölkerungen bedient werden. Da sich niemand vorstellen kann, wie das gelingen könnte, sieht Standard and Poors für das Jahr 2050 die französische Staatsschuld bei 260 und die deutsche sogar bei 307 Prozent. In den USA hingegen kann ein um 40 Prozent wachsendes Erwerbspotenzial die öffentlichen Verpflichtungen aus der linken Tasche tilgen.
Für den Wohlstand einer Nation sorgt am stärksten ihr Innovationspotenzial. Bei der Fähigkeit, neue Produkte und Verfahren zu erfinden und anzubieten, die noch kein anderer hat und deshalb auch nicht billiger verkaufen kann, fällt Westeuropa stetig zurück. Die gesamte Anglo-Welt stellt 2005 mit 415 Millionen Einwohnern 6,43 Prozent der Welt- bevölkerung. Die verfügen mit 291 von 500 aber über 58 Prozent der größten Unternehmen der Erde, sind also um den Faktor 9 überrepräsentiert. Deutschland birgt 2005 mit 83 Millionen Einwohnern 1,27 Prozent der Weltbevölkerung und von den 500 größten Unternehmen 32 bzw. 6,4 Prozent. Für Frankreich mit 0,84 Prozent der Weltbevölkerung stehen 25 bzw. 5 Prozent der Unternehmen zu Buche. Die Europäer sind also um den Faktor 5 bzw. 6 überrepräsentiert. Obwohl beide Länder noch tüchtig wirtschaften, ist ihr Abstand zu den Anglos unübersehbar. Gleichwohl stehen sie nicht da wie etwa ein ebenfalls schrumpfendes Polen, das pro zehn Millionen Einwohner beim US-Patentamt jährlich (2002) gerade mal 5 Erfindungen anmeldet gegenüber 642 aus Frankreich (12. Platz) oder 1370 aus Deutschland (6. Platz).
Der prozentuale Wertzuwachs einer Firma (unabhängig von ihrer Größe) gibt recht zuverlässig ihren globalen Innovationsrang an. Von den zehn stärksten Wertgewinnern des Jahres 2005 kommt keiner aus Deutschland oder Frankreich. Die technologische Ausnahmeposition der Anglo-Welt spiegelt sich auch in ihrer Bereitschaft, neue Unternehmen zu ködern. Alle fünf liegen unter den ersten zehn für Business-Friendliness weltweit, während Deutschland mit Platz 19 unterstreicht, dass es einstweilen andere Prioritäten setzt. 5 Das geistige Klima entspricht dem ökonomischen. Die Anglo-Welt beherbergt 46 (USA allein 37) der 50 besten Universitäten der Erde. Frankreich ist mit auf Rang 46 dabei. Deutschland tritt erst auf den Plätzen 51 und 52 in Erscheinung (Münchner Uni und TU). 6
Bei den Geburten pro Frauenleben (Total Fertility Rate) liegen Europas Weltmachtsaspiranten zwar hinten, aber mit Amerika ist auch nur ein Einäugiger König unter Blinden: USA: 2,08; F: 1,85; D: 1,39. In den 15 Jahren seit 1990 legen Deutschland und Frankreich zusammen um 6 Millionen, alle Anglo-Länder zusammen um 60 Millionen Einwohner zu.
Berlin schrumpft von allen Megastädten der Erde am schnellsten. 1994 euphorisiert man sich bis 2020 auf einen Großraum von 10 Millionen à la Paris oder London mit 5 Millionen direkt in der Stadt. 2004 werden von dieser Planung 6 Millionen Menschen gestrichen. Ein Jahr später geht man sogar auf 3 Millionen herunter. In Frankreich sorgen vor allem Araber und Schwarzafrikaner mit höheren Kinderzahlen dafür, dass man nicht noch schneller zurückfällt. Da sie sich auf eine konkurrenzferne Existenz am unteren sozialen Rand einstellen, greifen sie die großzügigen Prämien für Gebären und Erziehung bereitwillig ab. Mit ihrem Kindersegen schaffen sie eine neue Dienstbotengesellschaft. Kindermädchen und Köchinnen sind wieder bezahlbar. In den USA sorgen die katholischen Hispanics für einen ähnlichen Effekt. Die weiße amerikanische Akademikerin aber hat nicht mehr Kinder als eine deutsche (ca. 1,0). Dafür steht Deutschland 2004 mit 2,18 Migranten auf 1 000 Einwohner deutlich vor Frankreich (0,66) und nicht allzu weit hinter den USA (3,31). Schwächen bei Menge und Qualität des Nachwuchses kann nur Amerika kompensieren. Wiewohl seine Studentenquote mit 64 Prozent pro Jahrgang weit vor Deutschland liegt (35 Prozent), rangiert es in der ersten großen PISA-Untersuchung (2000) mit Platz 16 nur unbeträchtlich vor dem 21. Rang der Berliner Republik. Die übrigen Anglos aber holen sich die Plätze vier bis sieben (Reihenfolge: NZ, CDN, AUS, UK). Als globaler Innovationsführer mit optimalen Konditionen, höchsten Gehältern und seiner militärischen Macht aber zieht Amerika die Hochbegabten der ganzen Menschheit an sich. Zusätzlich zu den endgültig Eingewanderten leben 100 000 ausländische Forscher – so viele, wie Schweden, Finnland und Dänemark zusammen haben – in den USA ohne amerikanischen Pass. 20 000 bis 30 000 davon kommen aus Deutschland.
Zu diesem Pragmatismus gegenüber den Talenten, woher immer sie auch kommen mögen, erinnert sich der Autor an Freunde in der New Yorker Stadtverwaltung und ihre Versorgung der Ghettokinder, die bis in die 1990er Jahre für das Erlangen von Sozialhilfe in die Welt gesetzt wurden. Für jedes neue Baby – so die pragmatische Lösung – ließ man zwei Chinesen ins Land, die dafür die Steuern verdienten. Danach allerdings eliminierte die demokratische Regierung diesen Fortpflanzungstypus, indem sie jeder potenziellen Mutter nur noch ein Lebensmaximum von fünf Jahren Sozialhilfe zubilligte. Bill Clintons Parole »we end welfare as we know it« aus dem Wahlkampf 1992 eroberte die Nation im Sturm, weil die zu- lasten des Steuerzahlers aufgezogenen Söhne weniger als zehn Prozent aller amerikanischen Jungen stellten, aber die Hälfte der jugendlichen Gewaltkriminalität verübten. 7
In Deutschland hingegen scheint man sich von Sozialhilfehaushalten viel zu erhoffen. Sie bilden nämlich den einzigen nicht schrumpfenden, sondern sogar kräftig wachsenden Familientypus. Im noch relativ armen Westdeutschland von 1965 (2,3 Kinder pro Frau) lebten 160 000 Kinder unter 18 von Sozialhilfe. Bis 2002 (nur noch 1,3 Kinder pro Frau) wird – jetzt für Gesamtdeutschland – bereits für 1,02 Millionen Kinder bezahlt. In demokratischen Ländern gewinnen auch Minderheiten politischen Einfluss, wo Vorsprünge von zwei oder drei Prozent nationale Wahlen entscheiden. Muslime können bisher nur in Frankreich (10 Prozent) innenpolitische Anliegen und außenpolitische Vorlieben durchsetzen. Es wird zwar nicht ermittelt, wie hoch der Islamanteil am französischen Nachwuchs liegt. Treffen die 20 bis 30 Prozent aber zu, von denen geredet wird, dann werden im Jahr 2050 über 50 Prozent der produktiven Bevölkerung Muslime sein.
Wachsende Minderheiten können demografische Verluste ausgleichen, bei den Einheimischen aber eine gegenläufige Bewegung provozieren. Überall in der entwickelten Welt gilt nämlich, dass die Tüchtigen sich nicht nur ihre Firma, sondern auch den für sie zuständigen Nationalstaat auswählen können. Denn alle OECD-Nationen liegen bei den Geburten unterhalb der Nettoreproduktion, die USA erreichen sie so gerade. Alle reichen Länder kämpfen also längst um die Talente der Nachbarn. Beim Betreten der kanadischen Botschaft für die Auswanderungspapiere nach Vancouver mag man aus australischem Munde die Vorzüge Sidneys zugeraunt bekommen, nachdem man dem Kiwi und seinen Anpreisungen der Naturbelassenheit Neuseelands gerade entkommen ist.
Aus Muslime Frankreich bringen sich heute schon manche Mitglieder der jüdischen Minderheit in Sicherheit. Fast alle politischen Gewalttaten der hinzu gewonnenen treffen sie und oft genug gibt es bei den Schaulustigen keine Hilfe für die Bedrängten. Nach einem Ha’aretz-Bericht vom 3. März 2005 denken von den 520 000 Juden Frankreichs über 50 Prozent an Auswanderung.
In krassem Gegensatz zur Anglo-Welt wird den deutschen Empfängern von Sozialleistungen immer noch versichert, dass man den Hochqualifizierten die Gehälter kappen und die erlangten Beträge nach einem Schwundgang durch die Taschen der Staatskasse an sie weiterleiten werde. Mit solchen Zusagen lassen sich Wahlen umso leichter gewinnen, je mehr Bürger über Transfers bereits teil- oder ganz versorgt werden. In Frankreich und Deutschland ist das gegenüber den USA ein Mehrfaches. Und obwohl gerade in Deutschland die Wohlstandsdifferenz zwischen unten und oben im inter- nationalen Vergleich gering ausgeprägt ist, befürworten 71 Prozent der politisch Interessierten eine noch stärkere Umverteilung »von den Reichen zu den Armen«. 8 56 Prozent der Westdeutschen und 66 Prozent der Ostdeutschen halten im August 2005 den »Sozialismus für eine gute Idee, die bislang nur schlecht ausgeführt worden ist«. 9
Und doch gehören auch in Europa die Tüchtigen nicht Staat, Parteien oder gar den Transferempfängern. Sie haben Freiheit, also Eigentum an sich selbst. Sie messen sich nicht an Landsleuten, die aus irgendeinem Grunde ihr Einkommen nicht verdienen. Sie vergleichen sich mit ihresgleichen in Kanada, Australien, der Schweiz, Irland oder eben den USA. Die westlichen Eliten müssen also längst für das Land, in dem sie momentan Steuern zahlen, immer wieder eine bewusste Entscheidung treffen. Diese wird nur solange für die alte Heimat ausfallen, wie dort aufgrund globaler Technologie- überlegenheit auch überdurchschnittlich gut verdient wird. Gerade da aber fallen Frankreich und Deutschland zurück. Kann also überraschen, dass im August 2005 von den 18- bis 30-jährigen Deutschen 52 Prozent die Frage bejahen? »Würden Sie gern in einem anderen Land als Deutschland leben?«
13 Prozent von ihnen wollen verständlicherweise schnell unter die Sonne Spaniens. Dann aber folgen mit 10 Prozent bereits die USA, wohin im Jahre 2004 neben 25 000 Auswanderern auch 25 000 Empfänger von Arbeitsvisa geflogen sind. Man sieht an solchen Entscheidungen, dass zwar sehr schnell die große Mehrheit eines Landes antiamerikanisch eingestimmt werden kann, aber womöglich gerade dadurch jene Spitzengruppe vergrault wird, von der dieselben politischen Verführer sich den ökonomischen Wiederaufstieg erhoffen. Wo nun – wie in Frankreich, aber auch in den Niederlanden oder Belgien – der Abstieg auch noch von islamistischem Terror begleitet wird, kann die Bleibebegeisterung kaum höher ausfallen als unter Juden oder eben jungen Deutschen, von denen – wahrscheinlich wegen schlechter Sprachkenntnisse und Zeugnisse – nur 40 Prozent daheim bleiben wollen.
Die USA (lediglich 1 Prozent Muslime im Jahr 2005) werden islamischem Druck am längsten widerstehen können. In Deutschland (3,7 Prozent Muslime im Jahr 2005) hingegen könnte gegen 2050 / 2060 eine muslimische Mehrheit erreicht sein. Die käme aber in viel höherem Ausmaß durch Einwanderung zustande als in Frankreich, das diesen Anteil bereits aus eigener Kraft erreichen kann. Die deutsche Bevölkerungsprognose für 2050 läge ohne 140 000 Einwanderer und ihre hier erwarteten Kinder jährlich bei weniger als 50 und nicht bei 67 Millionen. Dass die Hälfte der Jugend von der Auswanderung träumt, ist dabei nicht einmal berücksichtigt.Warum werden die Neudeutschen überwiegend zu Allah beten? Die – ohnehin schnell absinkenden – Begabungsreserven aus dem ehemals britischen Imperium (Bangladesh, Burma, Indien, Pakistan, Sri Lanka etc.) wollen in die knapp 28 Millionen Quadratkilometer der Anglo-Welt (AUS, CDN, IRL, NZ, USA, UK). Sie sehen wenig Anlass, in die hiesigen 350 000 km2 zu streben, wo sie selbst für den unwahrscheinlichen Fall liebevoller Aufnahme zusätzlich zum bereits gesprochenen Englisch auch noch Deutsch lernen müssten. Für jedes Talent von dort, für das man in Deutschland tatsächlich Verwendung hätte, gibt es auch bei den Anglos beste Perspektiven. Der nachbarliche slawische Raum hat viele seiner Mobilsten in den letzten 15 Jahren bereits abgegeben. 15 - 20 Millionen sind nach Westen gegangen und haben dafür gesorgt, dass die osteuropäischen Bevölkerungen nicht nur stagnieren, sondern längst schrumpfen. Die Bundes- republik hat nicht einmal 750 000 dieser Besten an sich ziehen können. Wie man schon 1997 bei den Hongkong-Chinesen geschlafen hat – Kanada holt sich eine Million –, behält man aus Osteuropa oft gerade diejenigen, die ohnehin lieber in der Illegalität verbleiben. Die slawischen Territorien außerhalb der EU leiden längst unter Implosionssymptomen. Energieversorgungen und Transportsysteme brechen zusammen, Unterhaltungsleistungen sinken oder kommen gar nicht erst zur Auszahlung. Schon im Jahre 2000 warnte die CIA davor, hier gar Bündnispartner zu suchen, weil einem alsbald nur noch Schützlinge auf der Tasche liegen werden. 10
Asien hat mit 13 Millionen Quadratkilometern die Größe von Indien und China zusammen. Dort lebt aber nicht mal ein Hundertstel (21 Millionen gegen Milliarden) der Bevölkerung dieser beiden Giganten. Ethnische Russen rücken stetig aus Sibirien ab und überlassen es den Ureinwohnern, die in Nordamerika Eskimos oder Indianer heißen würden. Sie entscheiden sich immer weniger für Moskau oder Petersburg, sondern fliegen gleich nach Toronto oder Seattle. Weit reisen müssen sie allemal, und die Heimat zeigt keinerlei Anzeichen für zukunftsträchtige Leistungen in auch nur einem einzigen High-Tech-Segment. Siedler für diese ungeheuren Territorien gibt es nicht einmal vom südlichen Nachbarn China, wo die Geburtenrate pro Frau mit 1,7 hinter die USA und selbst Frankreich zurückgefallen ist. Die Rohstoffe des Riesenraumes aber braucht der ab 2010 größte Exporteur der Erde so dringend wie der Verdurstende das Wasser. Man wird die Mineralien oder gar die dazugehörigen Territorien allerdings eher kaufen als erobern. Gleichwohl könnte einem Handstreich chinesischer Armeen vom vergreisten Russland (11 Millionen Söhne unter 15) nichts außer Atomwaffen entgegengesetzt werden. Die aber hat Peking auch und überdies Zugriff auf 148 Millionen Söhne unter 15, von denen – wegen höherer Tötung weiblicher Föten und Neugeborener – 15 Millionen zu Hause keine Ehepartner finden werden.Würde eine Moskauer Nomenklatura die eigene Auslöschung für »lediglich« schwere Verluste beim Gegner riskieren? Putin legt im Mai 2000 die 89 Regionen Russlands zu sieben Föderationsbezirken zusammen, deren Grenzen den sieben alten Mili- tärbezirken entsprechen. Sechs lässt er von Militärs und Geheimdienstoffizieren kommandieren. Er bereitet sich also vor. Aber wird diese »Militokratie« 11 einem kräftigen Ansturm standhalten? Werden Deutschland mit Bodentruppen und Frankreich mit Nuklearwaffen für die Gas- und Ölversorgung aus dem Osten einen Krieg mit China anzetteln? Oder wird sich der Traum von der Achse Paris-Berlin-Moskau auf einen Schlag als die Illusion erweisen, die sie immer war? Der Witz vom Marxismus als Erfindung des Westens zur Ausschaltung der östlichen Konkurrenz wird am Ende nur für Russland Gültigkeit behalten.
Was nach Implosionen als zurückgelassener Rest aus den slawischen Nationen noch in den Westen strebt, würde hier weder produktiv werden noch Versorgung finden können. Was in einer solchen Völkerwanderung wiederum als jüngere Elite mit heraustreibt, wird überall im OECD-Raum nachgefragt. Warum sollte sie in ein bereits islamisch absinkendes Westeuropa streben? Die Festungen heißen dann einmal mehr USA und Kanada. Und auch dort kann man doch auf keinen Tüchtigen verzichten.
Europas und damit auch Deutschlands »Südamerika« heißt Afrika. Der nahöstliche Islamgürtel bildet das dahinterliegende Reservoir. Diese Gebiete können rein quantitativ die von Deutschland bis 2050 benötigte Zusatzbevölkerung bereitstellen. Um die heutige Einwohnerschaft von etwa 80 Millionen stabil zu halten, muss die Zahl der Einwanderer bis 2050 auf 700 000 jährlich steigen, um die seit 1972 ausgebliebenen sowie die bis dahin ausbleibenden Geburten zu kompensieren. Bei so einer Stabilisierung stiege das Durchschnittsalter bis 2050 aber in jedem Fall um weitere 10 Jahre auf 52,3. Wollte man auch das jetzige Durchschnittsalter von 42 Jahren halten, wären sogar 3 - 4 Millionen Einwanderer jährlich erforderlich, weil für sie – einmal hier – ja ebenfalls fallende Geburtenzahlen zu erwarten sind. Mit ihnen würde sich die absolute Bevölkerung in Deutschland auf über 160 Millionen mehr als verdoppeln.
Dass die Bevölkerungsreserven in Afrika und im Islam auch qualitativ genügen könnten, behauptet niemand. Einwanderer ohne Hochschulabschluss und selbst länger arbeitende einheimische Akademiker können nämlich eines nicht – die kritische Masse begabter junger Leute bereitstellen, die von klein auf mit High-Tech heranwachsen, souverän mit ihr umgehen und sie dann ehrgeizig und voller Ungeduld auf neue Höhen führen wollen. Diese Essentials für ein Verbleiben Deutschlands in der ersten ökonomischen Liga wird man nicht einfach Schwarzafrikanern oder Muslimen aufbürden können. Da aber gerade sie am ehesten hereindrängen, gibt es für die demografischen Probleme Deutschlands und auch der übrigen Länder Kontinentaleuropas keine elegante Lösung. Bei unveränderter Bevölkerung ist die weitere Überalterung auf 52 Jahre unvermeidlich. Die Hälfte der Einwohner würde aus eher unterqualifizierten Zuwanderern bestehen, die einen Porsche noch fahren, aber seine nächste Generation nicht mehr entwerfen können. Hundert 25- bis 65-Jährige müssten nicht allein 110 Menschen im Rentenalter versorgen, sondern auch noch den Nachwuchs von 0 bis 25 Jahren finanzieren. Ihre Fluchtbereitschaft in weniger drangsalierte Länder wird entsprechend wachsen. Beim Stoppen der Vergreisung würde von bald 170 Millionen Europäern gerade noch ein Viertel aus herkömmlichen Deutschen bestehen. Würden die wiederum ihre Geburtenraten tatsächlich auf 1,8 oder gar die 2,1 Kinder der Nettoreproduktion steigern, hätte das vor 2050 keine Auswirkungen mehr auf das Verhält- nis von Leistungsträgern zu Leistungsempfängern. Die 52 Prozent der jungen Deutschen, die jetzt schon von Auswanderung träumen, beobachten diese irreversible Entwicklung mit wachsender Bestürzung. Und doch werden sie in allen Prognosen einfach weiter mitgerechnet.
Finis Germaniae-Seufzer haben sich schon öfter als voreilig erwiesen. Dennoch sieht die Lage nicht gut aus. Nichtgeborene vollwertig zu ersetzen, ist kaum einfacher als Tote aufzuwecken. Bisher unerprobte Mittel wie etwa die Masseneinwanderung von Babys – Millionen AIDS-Waisen ständen in Afrika bereit – werden nicht einmal von den radikalsten Multikultis vorgeschlagen. Womöglich wird im vollen Niedergang aber kaum noch jemand da sein, der in solchen Kategorien leidet. Gleichwohl, wer heute in Kontinentaleuropa jünger als 40 ist und nicht alsbald den Weg nach Nordamerika findet, wird sich später nur selbst Vorwürfe machen können.
Ein Blick zurück auf ein Vierteljahrtausend macht verständlich, warum Frankreich im Jahre 1800 um die Weltmacht ringt und nur von einer Allianz aus Deutschen, Engländern und Russen besiegt werden kann. Die kurz vor 1500 beginnende Bestrafung der Geburtenkontrolle schlägt jenseits des Rheins besonders brutal zu. Jean Bodin, Universalgenie der Neuzeit und Begründer der Religionstoleranz, sorgt ganz persönlich für Hinrichtungen von so genannten »Weisen Frauen«, denn »wer immer mit der [Verhütungs-]Kunst umgeht, kann nicht in Abrede stellen, dass er … die Wirkung der von Gott eingesetzten Ehe verhindert. … Derjenige also, der die Zeugung oder die Heranreifung der Kinder behindert, muss ebenso als Totschläger angesehen werden wie derjenige, der einem anderen die Gurgel durchschneidet.« 12 Zwei bis vier Jungen pro Vater fallen nun an. Napoleon, selbst eins von sieben Geschwistern, kann in 15 Jahren 1,2 Millionen Söhne des Landes in Kriege führen und sterben lassen – und noch 500 000 der Verbündeten dazu. Er verfährt mit Frankreichs »Überzähligen« wie 150 Jahre später Ho Chi Min mit seinen Vietnamesen.
In Wirklichkeit überdehnt der Korse das Potenzial sogar, wenn er einräumt: »Ich habe eine Staatsschuld von hundert- tausend Männern.« 13 Auch deshalb werden die Gallier anschließend zur Avantgarde beim Wiedergewinn der so heftig bekämpften europäischen Verhütungskunst des Mittelalters. Schon im Jahre 1813 gelingt Joseph Recamier die zweite Erfindung des Vaginalspeculums, das zur Frauenheilkunde gehört wie das Rad zum Wagen. Im Mittelalter heißt es Dioptre. Am Beginn der Neuzeit, die der Gynäkologie weitgehend den Garaus macht, wird es Opfer der blutigen Eingriffe, denen die Europäische Geburtenexplosion geschuldet ist. Sie bringt ab etwa 1490 fast über Nacht sechs bis sieben überlebende Kinder pro Frau statt nur zwei bis drei in der Zeit davor. Die Hexen-Bulla von 1484 entfaltet auf dem Alten Kontinent nämlich umgehend Wirkung für die »Repöplierung« nach dem Bevölkerungsabsturz von 80 auf 50 Millionen seit der Großen Pest von 1348 - 1352. Europaweit verhängt Papst Innozenz VIII. die Todesstrafe für »Personen beiderlei Geschlechts … welche die Geburten der Weiber umkommen machen und verursachen … dass die … Frauen … nicht empfangen«. 14 »Abgesehen« vom immer schon bestraften Schadenszauber, so präzisiert der 1487er Hexen-Hammer als Rechtskommentar zur Bulla, ist nunmehr eine »siebenfache Hexerei« auszurotten, deren Delikte durchweg den »Liebesakt und die Empfängnis im Mutterleibe mit verschiedenen Behexungen infizieren«. 15
Secundones, also Zweit- und Nachgebore, nennen die Spanier ihre jugendlichen Konquistadoren. Auch sie werfen sich nieder und schreien zum Herrn, bevor sie zum Töten schreiten, aber ihr »Gold, Ruhm und Evangelium« gewährt der Religion doch nur den letzten Platz. Bis zum Ersten Weltkrieg erzeugt Europa ununterbrochen Youth Bulges, also eine über- mäßige Ausstülpung der Bevölkerungspyramide bei den 15- bis 29-Jährigen. 30 bis 45 von 100 männlichen Einwohnern unterstehen dann den Rekrutierungsbehörden. Vier Jahrhunderte lang werden Geburtenraten wie heute im Gaza-Streifen oder in Uganda erzwungen. Wie ein nicht endender Mongolensturm holt sich die Alte Welt mit diesem Überschusspotenzial bis 1918 neun Zehntel der Erde. Dabei werden für das direkte Unterwerfen und Töten weniger als 500 000 Mann eingesetzt, und auch die gesamte Siedlerzahl erreicht zwischen 1500 und 1900 gerade einmal vierzig Millionen.
Im Jahr 1492 kommen im weltweiten Vergleich von 1000 Männern im besten Kampfalter (15- bis 29-Jährigen) gut 100 aus Europa. 1914 sind – unter Einschluss Nordamerikas und Australien / Neuseelands – von 1 000 Wehrfähigen weltweit 350 Weiße. In Kombination mit ihrer eigentumsbasierten Ökonomie wird ihnen die Beherrschung des Globus zum Spaziergang. Europas Lehrer und Pfarrer predigen Imperialismus und soldatischen Geist wie biologische Wahrheiten. Bald kann man sich nur noch untereinander die Kolonien abjagen. Nach den 10 Millionen Gefallenen von 1914 bis 1918 aber geht es rasant abwärts. In fast allen westlichen Nationen werden Lohnabhängige zur Bevölkerungsmehrheit. Eigentums- ökonomien, in denen am Ende über 90 Prozent abhängig erwerbstätig sind, scheitern fast überall an der Nettoreproduktion von 2,1 Kindern pro Frauenleben. Die Menschen stehen in keinem ökonomisch motivierten Generationenvertrag mehr. Ihre Absicherung bei Notfällen erfolgt nicht durch Übergabe eines Eigentums (Hof, Handwerk, Fabrik, Laden etc.) an den Nachwuchs, der als Gegenleistung die Eltern bei Alter und Krankheit versorgt. Fortpflanzung gibt es bei Straffreiheit von Geburtenkontrolle also nur noch aus emotionalen Gründen. Da bereits ein Kind dieses Sehnen erfüllen kann, tendieren die Geburtenraten deutlich unter zwei und fallen bei ausbleibenden Gegenmaßnahmen sogar unter eins. Im Jahre 2005 schaffen nicht einmal die reichsten Länder der Erde die Nettoreproduktion von 2,1 Kindern pro Frauenleben: Luxemburg mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 59 000 Kaufkraft-Dollar bringt 1,79 Kinder, in Norwegen mit 41 000 Kaufkraft-Dollar sind es 1,78.
Seit den späten 1920er Jahren zeigen Untersuchungen im Deutschen Reich, dass die bestbezahlten Angestellten die wenigsten Kinder haben. Sie suchen nach Partnerinnen, die selbst ihren Unterhalt verdienen und / oder bei der Kinderzahl heruntergehen. Da diese Männer um die anspruchsvollsten Arbeitsplätze kämpfen, verschaffen sie sich Konkurrenzvorteile, wenn sie Zeit, Energie und Geld nicht für Frauen und Kinder, sondern für lebenslanges Lernen einsetzen. Trotz Hitlers Todesstrafe auf Abtreibung hört von nun an der Kampf um Wiedergewinnung des antiken und mittelalterlichen Verhütungswissens nicht mehr auf. Bereits 1936 legt der Amerikaner Norman Himes die erste Weltgeschichte der Geburtenkontrolle vor (Medical History of Contraception). Die Gebildeten des technologisch höchstentwickelten Landes der Geschichte standen damals fassungslos vor ihrem Verhütungs-Analphabetismus, der sie noch hinter die Ureinwohner Australiens platzierte. Im selben Maße, wie die hoch qualifizierte Männergruppe wächst, nimmt die Zahl von Versorgungsangeboten an potenzielle Mütter ab. Wollen die Frauen gleichwohl überleben, müssen auch sie in den Wettstreit um Geldlöhne eintreten dürfen. Dafür erkämpfen sie noch im 20. Jahrhundert ihre Emanzipation, also Gleichberechtigung beim Schließen von Arbeits-, Miet- und Kaufverträgen sowie im Wahlrecht und beim Ämterzugang. Im Jahre 2005 rivalisieren über 90 Prozent aller Männer und Frauen auf den Arbeitsmärkten so hart wie 1925 die Minderheit der Spitzenmanager. Um Männer und Frauen auszustechen, setzen auch Frauen ihre stärksten und zugleich gebäroptimalen Jahre (15 - 35) für den Weg nach oben ein. Monetäre Gebäranreize, die diesen Aufstiegszwang brechen könnten, sind in der Weltkonkurrenz nicht bezahlbar.
In diesen Mechanismus des Geburtenrückgangs lässt sich jede beliebige Religion einfüllen, ohne dass er sich ändert. Im Jahre 2005 etwa liegen die islamische Türkei und der multireligiö-se Libanon bei 1,95 Kindern pro Frau, also hinter den USA. Das erklärt, warum der allenthalben erwartete Bürgerkrieg im Libanon nicht ausbricht, als die Syrer im Frühjahr 2005 abziehen müssen. Zwischen 1975 und 1990 hingegen, als sich 150 000 Libanesen gegenseitig umbringen, agieren die 1950 - 1965 Geborenen, und in der Periode haben Libanons Frauen über sechs Kinder. Die großen Tötungen in der Türkei zwischen 1980 und 2000 (40 000 Linke, Kurden, Soldaten etc.) besorgen die Jahrgänge 1950 - 1970, als 5 bis 7 Kinder pro Mutter geboren werden. Politiker, die den Eintritt der Türkei in die EU irgendwann nach 2015 verhindern wollen, um Deutschlands Überschwemmung mit Anatoliern zu verhindern, werden das Land zu diesem Zeitpunkt ablehnen müssen, weil man nicht auch noch seine Rentenprobleme lösen könne.
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" /> Ich würde sie ebenfalls eher in die Kategorie Brandbeschleuniger einordnen, sie verschärft gerade im Abschluss einer Epoche die Widersprüche in der Gesellschaft enorm & endet dort auch häufig in der Gewalt. Warum Kernkrisengrund? Korruption ist auch wenn z.B. Goldman-Sachs die griech. Freunde finanztechn. so berät, das einerseits die EU-Kriterien scheinbar eingehalten werden (was von Angfang an falsch war), Subventionen der EU versenkt worden und andererseits eigene Produkte zum eigenen Vorteil dort untergebracht worden sind. 