Eine sonderbare Krise
gekürzt
Ich finde, das trifft es sehr gut.
Im Vergleich dazu, dass alle Marktakteure für Anfang Januar eine ruhige Börsenwoche angekündigt hatten, ist doch eine Menge passiert. Der Deutsche Aktienindex Dax ist gehörig unter Druck geraten, der Ölpreis auf 100 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen, der Goldpreis auf 860 Dollar je Unze. Es scheint so, als würden die Börsianer allmählich doch zur Kenntnis nehmen, dass eine internationale Krise an den Finanzmärkten schwelt.
Im Sommer brach in den Vereinigten Staaten - ausgehend vom Hypothekenmarkt für finanzschwache Schuldner - eine Krise aus, die zahlreiche Banken rund um den Erdball in Bedrängnis brachte und die großen Zentralbanken der Welt zu wiederholten Notinterventionen zwang. Davon unbeeindruckt stiegen die Aktienkurse weiter. Der Dax legte 2007 immerhin einen Anstieg von 22 Prozent hin, und in New York beendete der Dow Jones das abgelaufene Jahr noch mit einem Plus. Beim Stand von 8067 Punkten ging der Dax aus dem Jahr. Nun liegt der Leitindex des deutschen Aktienmarktes schon gut 200 Punkte niedriger. Das ist eine Einbuße von rund 3 Prozent in wenigen Tagen.
"Une drôle de crise" könnte man diesen Zustand nennen in Anlehnung an jene "drôle de guerre" zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Wort vom "komischen Krieg" bezeichneten die Franzosen damals jenen tatsächlich seltsam-komischen Schwelzustand, als die Deutschen schon Polen überfallen und die Franzosen dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatten, aber noch Monate vergingen, bis es tatsächlich zum Krieg mit Deutschland kam.
So auch heute an den Finanzmärkten: Die Krise schwelt seit Monaten, aber es brauchte vielleicht erst den heftigen Anstieg des Ölpreises am Mittwoch, um den Anlegern die Dramatik der Lage klarzumachen. Sicher, der Ölpreis konnte auch deshalb so rasch steigen, weil die Umsätze zu Jahresbeginn noch dünn waren. Die amerikanische Presse berichtete genüsslich, wie zwei Händler an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex am Mittwoch mit einem einzigen Termingeschäft den Ölpreis punktgenau auf 100,00 Dollar hoben.
Die Rekordnotierung für Rohöl hat die Sorgen an den Aktienmärkten noch verstärkt. Neben den politischen Krisen in Nigeria und Pakistan, die für Unruhe an den Märkten sorgen, ist es auch die Überlegung, dass sich offenbar einige Akteure am Ölmarkt nun mit Terminkäufen absichern, weil sie einen weiter schwachen Dollar befürchten.
Die Kombination aus hohem Ölpreis, schwachem Dollar und einer drohenden Rezession in den Vereinigten Staaten macht den Anlegern an den Aktienmärkten derzeit Angst. Höhere Energiepreise könnten den Zentralbanken in die Quere kommen bei ihrem Bemühen, die Leitzinsen weiter zu senken, um die Folgen der Kreditkrise für die Banken erträglich zu halten. Hohe Ölpreise beschädigen auch die Kaufkraft der Verbraucher und schwächen so die Wirtschaft weiter. Schon macht an den Märkten das Angstwort von der Stagflation die Runde.
...
Diese hatte in den siebziger Jahren nach der ersten Ölkrise den Börsen so zu schaffen gemacht, ...
Die jüngsten Wirtschaftsdaten verstärkten diese Befürchtungen: Um mehr als 3 Prozent sind im Dezember die Verbraucherpreise in der Euro-Zone gestiegen. Gleichzeitig zeigen die Konjunkturdaten nach unten. Bundeswirtschaftsminister Glos (CSU) senkte seine Wachstumsprognose für dieses Jahr über Weihnachten auf unter 2 Prozent. In den Vereinigten Staaten fiel diese Woche der ISM-Einkaufsmanagerindex überraschend schwach aus und ist zum ersten Mal seit 2001 das sechste Mal in Folge gesunken.
Es ist stets das schwächste Glied, das eine Kette brechen lässt. So standen auch in dieser Woche Konsumwerte unter Abgabedruck. Am deutschen Aktienmarkt ist Arcandor schwach. Der Betreiber der Karstadt-Warenhäuser befindet sich noch mitten in der Sanierung und würde von einer Eintrübung des Konsumklimas rascher getroffen werden als andere Einzelhandelstitel.
Auch Autoaktien stehen unter Beobachtung. Der sinkende Absatz im Dezember in Europa verheißt auch hier nichts Gutes. Zwar haben die deutschen Hersteller wenigstens aus Amerika gute Verkaufszahlen gemeldet. Aber wegen des schwachen Dollar bleiben ihnen weniger Euro übrig. Allein am Freitag verloren die Aktien von Daimler in der Spitze 4,3 Prozent, und der Reifenhersteller Continental wurde mit einem Abschlag von bis zu 6,3 Prozent gehandelt. Christian von Hiller
Text: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4 / Seite 19
![[[zwinker]]](images/smilies/zwinker.gif)
