Fragen an dottore zum Buch "Der Kapitalismus..." / Leserzuschrift
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Sehr geehrter Herr Dr. Martin!
Gerade habe ich nach Jahren wieder ihr Buch "Der Kapitalismus - ein System das funktioniert" gelesen. Einiges ist mir erst jetzt klarer geworden. Manches bleibt noch immer im Dunkeln:
a)Ihre Ausführungen zur Rolle des Staates als Initiator von Inflation und dann Deflation ist mir so weit klar. Aber sehe ich das auch richtig, dass die exponentielle Aufschuldung erst durch die (leistungslosen)Schulden des Staates entsteht?
Daher, gesetzt den Fall, wir hätten einen Staat der nie Staatsschulden anhäuft, würde dann der Kapitalismus tatsächlich funktionieren?
Oder ist es vielmehr so, dass die exponentielle Aufschuldung auch hier vonstatten geht und nur die Fallhöhe beim Crash wesentlich geringer ist?
b) Warum spielt im Debitismus die Geld/Kredit-Hortung keine Rolle? Sie beantworten diese Frage, wenn ich das richtig verstanden habe, mit der Urschuld und dass dann eben statt Wasser Champagner getrunken wird. Das überzeugt aber nicht wirklich, wie die Unmengen an Guthaben vieler Milliardäre beweisen, die ihr Geld, selbst wenn sie wollten, nicht ausgeben könnten. Ist es nicht so, dass jedes zurückgehaltene Geld, die gesamte Wirtschaft zwingt, sich noch stärker zu verschulden um den Zins+gehortetes Geld auszugleichen. (bin kein Gesell-Jünger!)
c) Sie haben mal auf die Frage, warum der Staat nicht einfach mehr Scheide-Münzen netto druckt (um der Deflation entgegenzuwirken), sinngemäß geantwortet "Woher kommen die Herstellkosten?".
Nun, die kämen über Steuern. Der Staat nimmt 1€ an Steuer ein, kauft damit Kupfer/Nickel, druckt mehrere Münzen und schreibt auf jede 1€ drauf und schon wurden aus 1€ Steuer, 10 oder 100 oder 1000 € neues netto-Geld. Die typische Münzverschlechterung, wie oft gehabt. Wozu der unangenehme Weg der Staatsverschuldung?
Das wars mal fürs erste. Ich hoffe die Fragen sind angemessen und nicht zu amateur-like.
Vielen Dank!
Stefan
Antwort
dottore , Dienstag, 03.02.2009, 13:30 (vor 5906 Tagen) @ Chef.
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 03.02.2009, 16:14
Kapitalismus
Hi Stefan,
Gerade habe ich nach Jahren wieder ihr Buch "Der Kapitalismus - ein System das funktioniert" gelesen. Einiges ist mir erst jetzt klarer geworden. Manches bleibt noch immer im Dunkeln:
Das Dunkel ist inzwischen etwas heller geworden, da durch die Diskussionen hier zusätzliche Erkentnnisse gewonnen werden konnten. Vor allem über die Rolle des Staates, der sich aus geld-, zins- und eigentumslosen Stammesgesellschaften entwickelt hat bzw. zum „Staat“ wurde, nachdem er als Stamm andere Stämme unterworfen und diese per Waffengewalt abgabenpflichtig gemacht hat (Hinweis auf Franz Oppenheimer – Beute - - ->Tribut). Diese Abgaben sind Schulden „ex nihilo“ (aus dem Nichts heraus) und beruhen nicht wie (heutige) Kontraktschulden auf vorangegangenen Kreditvorgängen. Ausführliches dazu in den Sammlungen des Forums. Oder bei miprox Diverses zum Thema „Zinnß“. Die Wörter „zinsen“ und „Abgaben leisten“ waren noch bis in die Neuzeit synonym. Wir kennen noch den Miet- oder Pachtzins, der zunächst nichts mit monetärem Zins zu tun hat.
Diese Schulden sind ursprünglich Naturalabgaben und wurden in babylonischer Zeit aus praktischen Gründen in Parität zu Silber gesetzt (1 Schekel = 180 Gerstenkörner). Dazu bitte den Codex Hammurapi zur Rate ziehen. Kamen Abgabenschuldner ihren terminlich fixierten Leistungen nicht nach, ergaben sich zwei Möglichkeiten: 1. Die Sanktion durch den/die Machthhalter (Schuldner bzw. dessen Familie) rückte in die Schuldknechtschaft ab. 2. Der Schuldner lieh sich das Abgabengut (natural, monetär), was zunächst das Institut des Wuchers (usura) und den entsprechenden Berufsstand des „Bankiers“ schuf. Die Leihe war ursprünglich zinslos – Relikt aus der Zeit der solidarischen Stammesgesellschaften.
Das Dokument über diese „Leihe“ (Kredit) konnte vor dessen Ablauf (Termin) an einen Dritten zediert werden, dies gegen Abschlag (Diskont). Daraus entwickelte sich der (heutige) Zins: Es ist die Differenz zwischen dem diskontierten und dem nominellen Wert, gerechnet von unten. Daraus entwickelte sich, da einfacher zu rechnen, ein Zins in Form einer zusätzlichen Forderung, d.h. eine Summe x wurde auf das sog. „Hauptgut“ geschlagen. Die gesamte Forderrung zum Termin bestand so aus zwei Teilen, was rechnerisch zu Obigem keinen Unterschied macht. Da die Zinsen in Mesopotamien sehr hoch waren (33 % auf Naturalkredit, 20 % auf Silber; Unterschied erklärt sich aus der terminlich verschiedenen Verfügbarkeit = natural nach Ernte, Silber jederzeit), kam es zu Überschuldungswellen, die durch Erlasse (sog. „clean slates“, d.h. die Bücher waren wieder sauber, z.B. bei Herrscherwechsel) regelmäßig beseitigt wurden, z.B. noch im AT nachzulesen.
Die Rolle des Staates beschränkte sich nicht nur auf das Abgaben-Inkasso. Er trat auch als Aufseher und Absender von (zunächst) „Palasthändlern“ im Fernhandel auf, die sich ihrerseits mehr und mehr verselbständigten und eigenen Geschäften nachgingen. Für den Schutz der Händler, ihres Eigentums und die Erfüllung der von ihnen geschlossenen Kontrakte wiederum trat der Staat auf. Damit sind wir mitten drin im mesopotamischen Kapitalismus, der sich in nichts vom heutigen unterschied (Börsen inklusive). Der Kapitalismus ist demnach ohne Staat nicht definierbar. Er breitete sich dann westwärts aus (Hellas, Rom) und bestimmt das ökonomische Geschehen – mit Unterbrechungen während sog. „dark ages“, z.B. frühes MA nach dem Zusammenbruch Roms – bis heute.
Dies in Kürze vorweg.
a)Ihre Ausführungen zur Rolle des Staates als Initiator von Inflation und dann Deflation ist mir so weit klar. Aber sehe ich das auch richtig, dass die exponentielle Aufschuldung erst durch die (leistungslosen)Schulden des Staates entsteht?
Nein. Der Staat hat per se ein Vorfinanzierungsproblem. D.h. er muss erst sein Machtsystem mit Abgabenzwang usw. etablieren (was kostet), bevor er zum Inkasso schreiten kann. Die Vorfinanzierung ließ sich ursprünglich noch quasi stammesintern erledigen, heute nicht mehr, da der Staat bereits Auszahlungen leisten muss (Beamte erhalten z.B. zu Monatsbeginn ihre Bezüge), bevor er überhaupt Einzahlungen (Steuern usw.) erhalten kann.
Daher, gesetzt den Fall, wir hätten einen Staat der nie Staatsschulden anhäuft, würde dann der Kapitalismus tatsächlich funktionieren?
Der moderne Staat (sub summa aller Staaten) ist ohne Vorfinanzierung nicht definierbar – ebenso wenig wie der Kapitalismus ohne Staat.
Oder ist es vielmehr so, dass die exponentielle Aufschuldung auch hier vonstatten geht und nur die Fallhöhe beim Crash wesentlich geringer ist?
Die Aufschuldung ist nicht nur staats-, sondern auch politikbedingt, d.h. Politiker täuschen Zahlungen vor, indem sie sich verschulden, statt den Eingang der Zahlungen abzuwarten. Sie ziehen (Machterhalt!) auf die Zukunft bzw. „spätere Generationen“. Dies unbeschadet der Tatsache, dass sie entsprechend dieser „Zusatznachfrage“ hoffen, die Preise zu inflationieren und damit die Schulden real erträglicher zu machen. Da Inflationierungen nur über zusätzliche Verschuldung möglich sind, die höher sein müssen als die zum weiteren Fortgang des privatkapitalistischen Prozesses notwendig (debitistische Nachschuldnerfindung), ist am Ende (Staatsbankrott) die Staatsverschuldung am höchsten.
b) Warum spielt im Debitismus die Geld/Kredit-Hortung keine Rolle?
Kredite sind nicht hortbar, Geld dagegen schon. Da aber Geld in unserem Kreditgeldsystem stets Fälligkeit hat (Scheidemünzen außen vor), muss dann ein anderer durch Nettoneuverschuldung die Situation bereinigen. Je höher die Hortung (Matratze, bei Banken aktuell sogar in der Form des Einstellens des verfügbaren Geldes bei der Notenbank, da diese als sicherer gilt als jeder private Geschäftspartner), desto schwieriger die Lage insgesamt, da die entsprechende, kreditfinanzierte Nachfrage fehlt (Pleitewellen usw. wie aktuell zu beobachten).
Sie beantworten diese Frage, wenn ich das richtig verstanden habe, mit der Urschuld
Hat damit nichts zu tun. Die Urschuld gilt auch für einen Robinson, der physisch verschwindet, sobald er sie nicht mehr tilgt.
und dass dann eben statt Wasser Champagner getrunken wird.
Die Urschuld kann minimiert werden (Wasser) oder maximiert (Jahrgangs-Champagner). Dies ist ökonomisch verbindlich nicht festzulegen. Man könnte sich auf so etwas wie überlebenswichtige Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr einigen. Auch für die Urschuld gilt die allgemeine ökonomische Maxime: Ertragsmaximierung bei Aufwandsminimierung.
Das überzeugt aber nicht wirklich, wie die Unmengen an Guthaben vieler Milliardäre beweisen, die ihr Geld, selbst wenn sie wollten, nicht ausgeben könnten.
Sie horten es in der Regel nicht, sondern legen es monetär (Buffett) oder realwirtschatlich an (Albrechts). Dies sind normale kapitalistische Vorgänge.
Ist es nicht so, dass jedes zurückgehaltene Geld, die gesamte Wirtschaft zwingt, sich noch stärker zu verschulden um den Zins+gehortetes Geld auszugleichen. (bin kein Gesell-Jünger!).
Was ist unter „Zurückhaltung“ zu verstehen? Selbst Monetär-Milliardäre, die über große Liquidität verfügen, halten diese nicht zu Hause im Tresor.
c) Sie haben mal auf die Frage, warum der Staat nicht einfach mehr Scheide-Münzen netto druckt (um der Deflation entgegenzuwirken), sinngemäß geantwortet "Woher kommen die Herstellkosten?".
Sie müssen ebenfalls vorfinanziert werden, was aber relativ unerheblich ist, da das Münzregal (Derivat des Machtmonopols) stets ein gutes Geschäft war (Seigniorage).
Nun, die kämen über Steuern. Der Staat nimmt 1€ an Steuer ein, kauft damit Kupfer/Nickel, druckt mehrere Münzen und schreibt auf jede 1€ drauf und schon wurden aus 1€ Steuer, 10 oder 100 oder 1000 € neues netto-Geld. Die typische Münzverschlechterung, wie oft gehabt. Wozu der unangenehme Weg der Staatsverschuldung?
Die Ausgabe von Scheidemünzen (ganz richtig als Nettogeld bezeichnet) ist aus naheliegenden Gründen limitiert. Sie sind Staatsmetallgeld, für das dasselbe gilt wie für Staatspapiergeld (Münzpresse = hier gleich Notenpresse): Es endet und verschwindet in einer Hyperinflation. Vgl. dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Seigniorage
Danke für die Fragen + Gruß!
Dank und Nachfrage von Stefan
Chef. , Mittwoch, 04.02.2009, 13:03 (vor 5905 Tagen) @ dottore
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Sehr geehrter Dr. Martin!
Zuerst einmal vielen Dank für ihre sehr ausführliche Antwort!
Ich wage mal zu behaupten, dass ich die Funktionsweise des modernen Staates jetzt verstehe. In mancherlei Hinsicht aber geht mir entweder der Knopf im Hirn nicht auf, oder aber wir reden aneinander vorbei (sie: historisch/rational, ich: was-wäre-wenn-Utopien).
So weit ich das auch in ihrem Buch verstanden habe, war das Kopf-Geld nach der Währungsreform 1948 ebenfalls durch eine Schuld entstanden (Staatsanleihen hinterlegt gegen Zentralbankgeld). Daher gehe ich richtig in der Annahme, dass diese ursprüngliche Schuld nicht einmal theoretisch getilgt werden konnte, denn selbst wenn der Staat damals die Steuern auf 100% gesetzt hätte, hätte der Zins für diese Banknoten nach wie vor gefehlt. Daher ist auch hier ersichtlich, dass der Staat eigentlich schon allein aufgrund des Zinseszinses zur exponentiellen Aufschuldung (und letztendlich Staatsbankrott) verdammt war: Von Anfang an! Hab ich das richtig erfasst?
Nun möchte ich das Thema ganz naiv aufziehen, um es besser begreifen zu können. Lassen wir alle historischen Entwicklungen und internationalen Vereinbarunen außen vor.
Wo liegt mein Denkfehler:
Ich übernehme ein Land wie Deutschland 1948. Ich schaffe die Notenbank ab, drucke pro Kopf 40 DM netto (so als würde ich sie daheim am Drucker drucken und beim Fenster rauswerfen) und verteile es. Alle meine Vorfinanzierungskosten (Beamte, Militär, etc., --Druckermaschine ist noch von der Vorgänger-Regierung vorhanden, Papier und Tinte auch) drucke ich im ersten Monat schlichtweg netto. Es gäbe absout keinen Unterschied zu damaligen Situation, außer dem, dass ich als Staat keine Schulden habe. Ich verteile also das Geld und erkläre es zum offiziellen Zahlungsmittel um im zweiten Monat Steuern einzutreiben. Warum sollte das nicht funktionieren? Oder aber ich finanziere mich vor und drucke die Vorfinanzierungskosten einfach netto nach..kommt aufs selbe hinaus.
Ich bin also jetzt ein unverschuldeter Staat. Es gibt für mich keinen Zwang zur Aufschuldung und ich habe nicht vor mich zu verschulden. Ich weiß zwar, dass sie jetzt irgendeinen Einwand vorbringen werden, aber wenn wir nur mal annehmen, dass das funktioniert. Kommt es dann dennoch zu einem Punkt der exponentiellen Aufschuldung (mit anschließenden deflationären Kollaps)? Wo beginnt es? Hat es mit dem Abgabenzwang (Steuer) zu tun? Hat es mit dem ersten Kapitalisten zu tun, der sich nicht mit dem (jetzt-noch)-Tausch dieses netto-Geldes gegen Waren zufrieden gibt, sondern etwas großes aufbauen will, dass er vorfinanzieren muss? Hat es mit der ersten Kreditaufnahme zu tun (weil Ernte schlecht z.B.). Das ist für mich irgendwie die unüberwindbare gedankliche Hürde.
Sie sehen als Alternative zum Staat nur solidarische Stammes-Gesellschaften? Was halten sie von anarcho-kapitalistischen Überlegungen?
Und wenn der Anarcho-Kapitalismus realisierbar wäre, gibt es in so einem System eine exponentiell wachsenden Schuldenmenge (mit deflationären Kollaps)?
Warum loben Sie den Kapitalismus als bestes System, verachten gleichzeitig den Staat und sagen dann völlig konträr, dass der Kapitalismus ohne (verschuldeten?)Staat nicht denkbar ist?
Sie haben auf meinen Vorschlag gegen die Deflation mit netto-Geld (Notenpresse bzw. Scheidegeld) geschrieben:
"Die Ausgabe von Scheidemünzen (ganz richtig als Nettogeld bezeichnet) ist aus naheliegenden Gründen limitiert. Sie sind Staatsmetallgeld, für das dasselbe gilt wie für Staatspapiergeld (Münzpresse = hier gleich Notenpresse): Es endet und verschwindet in einer Hyperinflation. Vgl. dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Seigniorage"
Geht es hier nur rein um den psychologischen Faktor der Masse, dass sobald ruchbar wird, dass der Staat netto-Geld druckt, eine Flucht aus der Währung stattfindet? Denn anders kann ich mir das nicht erklären, denn würde ich netto-Geld drucken und im Volk verteilen, würden das Volk in der Deflation seine Schulden damit bezahlen (=keine Inflation). Sobald die gröbsten Schulden (oder alle)getilgt sind, stoppe ich die Druckerpresse einfach und die Wirtschaft darf wieder brummen.
Eine andere Erklärung, die ich für mich gefunden habe ist, dass Geld seinen Wert nur durch die dahinterliegende Schuld erhält...würde ich alle Schulden mit netto-geld tilgen, würde alles Geld aus vorherigen Verschuldungen plötzlich netto vorliegen...ist das des Pudels Kern und wenn ja, würden ich den genauen Grund gerne erklärt bekommen? Warum wär das Geld ohne dahinterliegender Schuld wertlos, wenn es doch den Abgabenzwang gibt?
Vielen Dank im Voraus für ihre Mühe und sorry für meine Hartnäckigkeit. Ich weiß einfach instinktiv, dass der Debitismus der Weisheit letzter Schluss ist und drum will ich es unbedingt verstehen
Lg
Stefan
die Antwort von dottore...
Moderator , Freitag, 06.02.2009, 12:55 (vor 5903 Tagen) @ Chef.
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