Antwort
Kapitalismus
Hi Stefan,
Gerade habe ich nach Jahren wieder ihr Buch "Der Kapitalismus - ein System das funktioniert" gelesen. Einiges ist mir erst jetzt klarer geworden. Manches bleibt noch immer im Dunkeln:
Das Dunkel ist inzwischen etwas heller geworden, da durch die Diskussionen hier zusätzliche Erkentnnisse gewonnen werden konnten. Vor allem über die Rolle des Staates, der sich aus geld-, zins- und eigentumslosen Stammesgesellschaften entwickelt hat bzw. zum „Staat“ wurde, nachdem er als Stamm andere Stämme unterworfen und diese per Waffengewalt abgabenpflichtig gemacht hat (Hinweis auf Franz Oppenheimer – Beute - - ->Tribut). Diese Abgaben sind Schulden „ex nihilo“ (aus dem Nichts heraus) und beruhen nicht wie (heutige) Kontraktschulden auf vorangegangenen Kreditvorgängen. Ausführliches dazu in den Sammlungen des Forums. Oder bei miprox Diverses zum Thema „Zinnß“. Die Wörter „zinsen“ und „Abgaben leisten“ waren noch bis in die Neuzeit synonym. Wir kennen noch den Miet- oder Pachtzins, der zunächst nichts mit monetärem Zins zu tun hat.
Diese Schulden sind ursprünglich Naturalabgaben und wurden in babylonischer Zeit aus praktischen Gründen in Parität zu Silber gesetzt (1 Schekel = 180 Gerstenkörner). Dazu bitte den Codex Hammurapi zur Rate ziehen. Kamen Abgabenschuldner ihren terminlich fixierten Leistungen nicht nach, ergaben sich zwei Möglichkeiten: 1. Die Sanktion durch den/die Machthhalter (Schuldner bzw. dessen Familie) rückte in die Schuldknechtschaft ab. 2. Der Schuldner lieh sich das Abgabengut (natural, monetär), was zunächst das Institut des Wuchers (usura) und den entsprechenden Berufsstand des „Bankiers“ schuf. Die Leihe war ursprünglich zinslos – Relikt aus der Zeit der solidarischen Stammesgesellschaften.
Das Dokument über diese „Leihe“ (Kredit) konnte vor dessen Ablauf (Termin) an einen Dritten zediert werden, dies gegen Abschlag (Diskont). Daraus entwickelte sich der (heutige) Zins: Es ist die Differenz zwischen dem diskontierten und dem nominellen Wert, gerechnet von unten. Daraus entwickelte sich, da einfacher zu rechnen, ein Zins in Form einer zusätzlichen Forderung, d.h. eine Summe x wurde auf das sog. „Hauptgut“ geschlagen. Die gesamte Forderrung zum Termin bestand so aus zwei Teilen, was rechnerisch zu Obigem keinen Unterschied macht. Da die Zinsen in Mesopotamien sehr hoch waren (33 % auf Naturalkredit, 20 % auf Silber; Unterschied erklärt sich aus der terminlich verschiedenen Verfügbarkeit = natural nach Ernte, Silber jederzeit), kam es zu Überschuldungswellen, die durch Erlasse (sog. „clean slates“, d.h. die Bücher waren wieder sauber, z.B. bei Herrscherwechsel) regelmäßig beseitigt wurden, z.B. noch im AT nachzulesen.
Die Rolle des Staates beschränkte sich nicht nur auf das Abgaben-Inkasso. Er trat auch als Aufseher und Absender von (zunächst) „Palasthändlern“ im Fernhandel auf, die sich ihrerseits mehr und mehr verselbständigten und eigenen Geschäften nachgingen. Für den Schutz der Händler, ihres Eigentums und die Erfüllung der von ihnen geschlossenen Kontrakte wiederum trat der Staat auf. Damit sind wir mitten drin im mesopotamischen Kapitalismus, der sich in nichts vom heutigen unterschied (Börsen inklusive). Der Kapitalismus ist demnach ohne Staat nicht definierbar. Er breitete sich dann westwärts aus (Hellas, Rom) und bestimmt das ökonomische Geschehen – mit Unterbrechungen während sog. „dark ages“, z.B. frühes MA nach dem Zusammenbruch Roms – bis heute.
Dies in Kürze vorweg.
a)Ihre Ausführungen zur Rolle des Staates als Initiator von Inflation und dann Deflation ist mir so weit klar. Aber sehe ich das auch richtig, dass die exponentielle Aufschuldung erst durch die (leistungslosen)Schulden des Staates entsteht?
Nein. Der Staat hat per se ein Vorfinanzierungsproblem. D.h. er muss erst sein Machtsystem mit Abgabenzwang usw. etablieren (was kostet), bevor er zum Inkasso schreiten kann. Die Vorfinanzierung ließ sich ursprünglich noch quasi stammesintern erledigen, heute nicht mehr, da der Staat bereits Auszahlungen leisten muss (Beamte erhalten z.B. zu Monatsbeginn ihre Bezüge), bevor er überhaupt Einzahlungen (Steuern usw.) erhalten kann.
Daher, gesetzt den Fall, wir hätten einen Staat der nie Staatsschulden anhäuft, würde dann der Kapitalismus tatsächlich funktionieren?
Der moderne Staat (sub summa aller Staaten) ist ohne Vorfinanzierung nicht definierbar – ebenso wenig wie der Kapitalismus ohne Staat.
Oder ist es vielmehr so, dass die exponentielle Aufschuldung auch hier vonstatten geht und nur die Fallhöhe beim Crash wesentlich geringer ist?
Die Aufschuldung ist nicht nur staats-, sondern auch politikbedingt, d.h. Politiker täuschen Zahlungen vor, indem sie sich verschulden, statt den Eingang der Zahlungen abzuwarten. Sie ziehen (Machterhalt!) auf die Zukunft bzw. „spätere Generationen“. Dies unbeschadet der Tatsache, dass sie entsprechend dieser „Zusatznachfrage“ hoffen, die Preise zu inflationieren und damit die Schulden real erträglicher zu machen. Da Inflationierungen nur über zusätzliche Verschuldung möglich sind, die höher sein müssen als die zum weiteren Fortgang des privatkapitalistischen Prozesses notwendig (debitistische Nachschuldnerfindung), ist am Ende (Staatsbankrott) die Staatsverschuldung am höchsten.
b) Warum spielt im Debitismus die Geld/Kredit-Hortung keine Rolle?
Kredite sind nicht hortbar, Geld dagegen schon. Da aber Geld in unserem Kreditgeldsystem stets Fälligkeit hat (Scheidemünzen außen vor), muss dann ein anderer durch Nettoneuverschuldung die Situation bereinigen. Je höher die Hortung (Matratze, bei Banken aktuell sogar in der Form des Einstellens des verfügbaren Geldes bei der Notenbank, da diese als sicherer gilt als jeder private Geschäftspartner), desto schwieriger die Lage insgesamt, da die entsprechende, kreditfinanzierte Nachfrage fehlt (Pleitewellen usw. wie aktuell zu beobachten).
Sie beantworten diese Frage, wenn ich das richtig verstanden habe, mit der Urschuld
Hat damit nichts zu tun. Die Urschuld gilt auch für einen Robinson, der physisch verschwindet, sobald er sie nicht mehr tilgt.
und dass dann eben statt Wasser Champagner getrunken wird.
Die Urschuld kann minimiert werden (Wasser) oder maximiert (Jahrgangs-Champagner). Dies ist ökonomisch verbindlich nicht festzulegen. Man könnte sich auf so etwas wie überlebenswichtige Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr einigen. Auch für die Urschuld gilt die allgemeine ökonomische Maxime: Ertragsmaximierung bei Aufwandsminimierung.
Das überzeugt aber nicht wirklich, wie die Unmengen an Guthaben vieler Milliardäre beweisen, die ihr Geld, selbst wenn sie wollten, nicht ausgeben könnten.
Sie horten es in der Regel nicht, sondern legen es monetär (Buffett) oder realwirtschatlich an (Albrechts). Dies sind normale kapitalistische Vorgänge.
Ist es nicht so, dass jedes zurückgehaltene Geld, die gesamte Wirtschaft zwingt, sich noch stärker zu verschulden um den Zins+gehortetes Geld auszugleichen. (bin kein Gesell-Jünger!).
Was ist unter „Zurückhaltung“ zu verstehen? Selbst Monetär-Milliardäre, die über große Liquidität verfügen, halten diese nicht zu Hause im Tresor.
c) Sie haben mal auf die Frage, warum der Staat nicht einfach mehr Scheide-Münzen netto druckt (um der Deflation entgegenzuwirken), sinngemäß geantwortet "Woher kommen die Herstellkosten?".
Sie müssen ebenfalls vorfinanziert werden, was aber relativ unerheblich ist, da das Münzregal (Derivat des Machtmonopols) stets ein gutes Geschäft war (Seigniorage).
Nun, die kämen über Steuern. Der Staat nimmt 1€ an Steuer ein, kauft damit Kupfer/Nickel, druckt mehrere Münzen und schreibt auf jede 1€ drauf und schon wurden aus 1€ Steuer, 10 oder 100 oder 1000 € neues netto-Geld. Die typische Münzverschlechterung, wie oft gehabt. Wozu der unangenehme Weg der Staatsverschuldung?
Die Ausgabe von Scheidemünzen (ganz richtig als Nettogeld bezeichnet) ist aus naheliegenden Gründen limitiert. Sie sind Staatsmetallgeld, für das dasselbe gilt wie für Staatspapiergeld (Münzpresse = hier gleich Notenpresse): Es endet und verschwindet in einer Hyperinflation. Vgl. dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Seigniorage
Danke für die Fragen + Gruß!
gesamter Thread:
- Fragen an dottore zum Buch "Der Kapitalismus..." / Leserzuschrift -
Chef.,
02.02.2009, 19:18
- Lieber Stephan, höre auf in Geldmengen zu denken! Das ist nämlich Dein Problem. -
Theo Stuss,
02.02.2009, 19:36
- Antwort -
dottore,
03.02.2009, 13:30
- Vielen Dank, dass kommt in die Sammlung. (oT)
- Moderator, 03.02.2009, 16:27
- Dank und Nachfrage von Stefan -
Chef.,
04.02.2009, 13:03
- die Antwort von dottore... -
Moderator,
06.02.2009, 12:55
- die Antwort von dottore... -
Moderator,
06.02.2009, 12:55
- Vielen Dank, dass kommt in die Sammlung. (oT)
- Lieber Stephan, höre auf in Geldmengen zu denken! Das ist nämlich Dein Problem. -
Theo Stuss,
02.02.2009, 19:36