Schwachmatismus
Hi,
Ahoi,
vor ein paar Tagen ist mir in einem Bookshop auf dem Flughafen Heathrow
dieses Werk in die Hände gefallen, das in 2007 das erste mal erschienen
und offensichtlich noch nicht in Deutsch verfügbar ist.Ich habe bislang nur die Einführung und das erste Kapitel gelesen, aber
eines ist bereits jetzt klar: mit der schöngeistigen Vorstellung, dass
Roosevelt durch seinen "New Deal" die Depression beendet hat, wird hier
gnadenlos aufgeräumt. Roosevelt kommt in diesem Buch als fanatischer
Staatsgläubiger rüber, der in radikaler Abkehr vom Kurs seiner Vorgänger
versucht hat, einen "quasi-sozialistischen" Staat einzurichten. Einige
führende Köpfe seiner engeren Entourage waren offensichtlich schwer
angetan von den Sowjet-Kommunisten, und Roosevelt selbst wohl primär daran
interessiert, die Wirtschaft der USA, welche in den 20ern ihre Blüte
erlebte und ihre ganz großen Unternehmen hervorbrachte (Alcoa, Mellon,
Carnegie, Ford, ...) unter seine staatsdirigistische Fuchtel zu bringen.
An einer Stelle in der Einleitung wird die Frage glasklar aufgeworfen:
"Warum dauerte die Depression in den USA bis praktisch zum Anfang von WW2,
während in vielen europäischen Ländern bereits ab 1932 wieder erste
Erholung zu erkennen war?"
Das ist eine der Standardfragen, deren Antworten zumeist mit verschiedenerlei Dioptrien in den Perspektiven gegeben werden, so auch hier bei Madame bereits in deren Fragestellung eingebaut.
Im Hinblick auf die USA, es ist richtig, dass Roosevelt mit dem "New Deal" keinesfalls die Depression beendet hat, er hat sie damit lediglich "gedeckelt", so dass deren weiteres Anwachsen, in welchem Tempo und Massgrad auch immer, quasi "mechanisch" verhindert wurde. Umgekehrt kann man auch sagen, der "New Deal" hat die Talsohle als damals unterstes Grundfundament eingezogen, sodass ein weiteres Absinken verunmoeglicht wurde.
Tatsaechlich verschwanden die letzten Nebel der vorangegangenen Depression erst zum Eintritt der USA in WWII im Dezember 1941, es hat also weit mehr als 1/2 Jahrzehnt allein an Zeit gebraucht, um die wirtschaftlichen Folgen dieser Depression in den USA selbst vollstaendig zu beseitigen.
Im Hinblick auf Europa, es kann keine Rede davon sein, dass bereits 1932 "in vielen Laendern Europas wieder "erste" Erholung zu erkennen war", das ist die gleiche Diktionsart der Qualitaet, der deutsche Finanzminister wuerde sparen, nur weil er den Umfang der bisherigen staendig wachsenden Neuverschuldung nicht mehr in diesem Massgrad fortfuehrt, ohne dabei jedoch das weitere Anwachsen der Neuverschuldung voellig einzustellen.
Diese "wiederum erste Erholung" in vielen Laendern Europas bestand ausschlisslich darin, dass der vorherige Massgrad des deflationaeren Absinkens gebrochen war, die meisten Laender Europas hatten im Jahre 1932 die unterste Talsohle ihrer Depression erreicht.
Der Umstand, dass die meisten europaeischen Laender bereits 1932 auf ihrer jeweils untersten wirtschaftlichen Fundamentschicht standen, waehrend hingegen die USA weiterhin ihren depressiven Sinkflug fortsetzten, passt bestens in das wirtschaftliche Szenario der jeweils voraus gegangenen Zeitraeume, gemaess denen die USA aufgrund ihrer Position als Siegermacht des WWI inkl. dem Versailler Diktat in den 1920-er Jahren ihre volle wirtschaftliche Bluete auf ein Niveau anzuheben und zu feiern vermochten, welches den europaeischen Laendern in dieser Hoehe und Umfang gaenzlich versagt blieb.
Deren oekonomische Recovery in Folge des WKI und Versailler Diktat startete von einem erheblich niedereren Niveau aus und hatte auch infolge der spezifisch europaeischen Friktionen eine geringere Aufwaertskraft, sodass ihr depressives Absinken wiederum von wesentlich geringerem Hoehenniveau aus begann und dem gemaess auch zeitlich viel frueher die Talsohle erreichte.
"Erste Erholungen", sprich die wirtschaftliche Recovery Europas und damit das aufwaertsbewegende Verlassen der untersten oekonomischen Fundamentschicht, begann erst im Jahre 1933, nachdem Hitler im Deutschen Reich dessen Fuehrung uebernommen hatte und aufgrund der wirtschaftlichen Massnahmen das Reich zur europaeischen "Wirtschaftslokomotive" mit mehreren langsamer folgenden Laendern wurde, sodass im Deutschen Reich selbst im Jahre 1936 die letzten Nebel der vorherigen Depression beseitigt waren.
Verschwörungstheoretiker dürften in diesem Buch also ebenfalls fündig
werden (knapp 500 Seiten inkl. umfangreicher Bibliographie), gerade dann,
wenn man es in Verbindung mit Büchern wie etwa "Roosevelts Weg zum Krieg"
vom deutschen Historiker Dirk Bavendamm liest.Die Autorin ist hingegen keine schwachmatische Revisionistin, sondern
schreibt regelmäßig in allen Standardgazetten der westlichen Elite, soll
heissen WSJ, FT, Bloomberg, etc. und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.
Das Auditorium der Autorin ist kein Garant gegen Schwachmatismus welcher Art auch immer, es liegt allein an ihr selbst, sich von politisch korrekten Kolportierungen in selbst gewaehltem Massgrad frei zu halten.
Wer in Englisch nicht soooo fit, sollte Amazon dennoch in den nächsten
Monaten nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe scannen ...Wenn ich es ausgelesen habe, schreibe ich hier vielleicht auch noch was,
falls es was radikal neues zu berichten gibt.
Das wuerde auch ich sehr begruessen!
--
Gruss!
TD
Die StaSi tobt und Tassie kichert,
denn er ist Schaeuble abgesichert!
gesamter Thread:
- Buchempfehlung: "The forgotten man - A new History of the Great Depression" von Amity Shlaes -
weissgarnix,
23.02.2008, 06:11
- Buchempfehlung - Zandow, 23.02.2008, 06:30
- Vielleicht sollte wgn die Zusammenfassung gegen Geld dem Dobeli anbieten ... - LenzHannover, 23.02.2008, 16:52
- Schwachmatismus - Tassie Devil, 24.02.2008, 03:26
- New Deal / Aktienkurse - Elli, 24.02.2008, 08:26
- Danke, wirklich hervorragendes Buch! -
dottore,
24.02.2008, 09:25
- Die ersten 100 Seiten habe ich jetzt ... - weissgarnix, 24.02.2008, 09:54
- Warum wurde FDR dann wiedergewählt? - Mephistopheles, 24.02.2008, 11:50
- Andere empfehlenswerte Literatur? - fridolin, 24.02.2008, 11:51
