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Betriebsblindheit der Führenden

Baldur der Ketzer @, Ketzerland, Sonntag, 09.03.2008, 05:19 (vor 6666 Tagen) @ harryinfo

Die überwiegende Mehrheit unserer Elite aus Politik,

Finanzwirtschaft und Wirtschaft hat so gut wie keine Vorstellung davon,
mit welcher Urgewalt das Wirtschaftssystem von den bevorstehenden
Korrekturprozessen getroffen wird. Der Finanzindustrie dämmert es so
langsam, wie groß ihr Informationsdefizit tatsächlich ist.

Hallo, harryinfo,

nimm mal eine Bank oder eine Versicherung. Oder eine Partei.

Da kommt man nur von unten rein (die Quereinsteigerkasperln und Proporzpuppen in den Vorständen und Aufsichtsräten mal ausgelassen, die stammen eh aus dem System, nur halt von der benachbarten Pyramide).

Also Bank- oder Versicherungslehre. Oder schon die Eltern politisch aktiv, und dann schon in Kinderschuhen in den Ortsverein rein, und hochgefaselt.

Das endet dann nach 20-30 Jahren für die, die es so lange durchhalten, in einer hochbezahlten Topetage. Aber haben sie jemals einen Beruf erlernt ? Haben sie jemals mit Normalkundschaft zu tun gehabt ? Mit der Realität des Gütermarktes ? Nein, nie.

Wenn ein Wertpapierhändler in der Bank Papiere handelt, dann in einem enormen Ausmaß für Kollegen, nämlich sogenannte institutionelle Anleger. Versicherungen. Und wieder zurück. Oder für andere Banken.
Der maximale Realitätskontakt liegt bei einem Firmenkundenberater, der Bilanzen lesen können muß.
Die Bilanz bildet bekanntlich die Vergangenheit ab, und ist einigen Interpretationsspielräumen unterworfen, man kann es so oder so hinbiegen.

Da von den Banken gewisse Bilanzdaten erwartet werden, und von der Börse gleichermaßen, geht von da aus ein Druck auf die Großunternehmen aus, Werte produzieren zu müssen, egal, wie. Ob das auf Kosten der Belegschaft erfolgt, ist denen wurscht, denn die Belegschaft wird nie ihr Kunde oder gar Brötchengeber sein.

Das System hat sich losgelöst von der täglichen Realität der Warenwirtschaft.

Und wenn da jemand 30 Jahre drinsteckt, wird der betriebsblind.

Tatsache ist, die Politik konnte schon immer die Steuerschrauben anziehen, bis das Blut beim Steuerknecht spritzte, er kam immer über die Runden, nie ist irgendwas passiert. Also gehen die davon aus, daß es auch weiterhin unbegrenzt so funktioniert.

Die Bänker glauben auch, daß es reicht, früh ins Büro zu gehen, um am Monatsende seinen Lohn gesichert zu wissen. Weil es einfach die meiste Zeit bei ihnen so gewesen ist. Für die Zukunft sagt dies gar nichts aus.

Eine Bruchstelle im System tritt äußerst selten auf, seltener als einmal in einer Generation, weltweit gesehen für einen isolierten Staat noch seltener, weltweit kummuliert so vielleicht im Schnitt alle 10 Jahre, aber auch da bleibt es auf den betroffenen Staat begrenzt (Mexico, Argentinien, Thailand).

Eine weltweite Krise gabs eigentlich erst einmal, die Weltwirtschaftskrise. Und die ist lange vorbei, es gibt praktisch keine lebenden Zeitzeugen mehr. Und überdies ist heute bekanntlich alles anders, und viel besser.

Zurück zum Thema : die Führenden haben aus Sicht dieser Wahrscheinlichkeit und schon vom strategischen Prinzip her keine Möglichkeit, einmal auf Schrumpfung zu setzen, oder mit ihrem Betrieb auszusteigen, es muß weitergehen, und es muß Wachstum sein. Etwas anderes gilt als Scheitern und wird abgestraft. Wachstum um jeden Preis. Nicht unbedingt Wachstum des Unternehmens, oder der Ressourcen, oder der Belegschaft, nein, ein nominelles Wachstum der Kenndaten muß es sein. Abstrakte Zahlen bestimmen das Handeln. Und das eben noch kurzfristig.

Würde ein Manager den Betrieb verkleinern, im Hinblick auf eine möglicherweise anstehende Krise (ZEITPUNKT !), ginge es ihm wie Leuschel und Co., er hätte schon zigmal mit seiner Erwartung daneben gelegen. Die Vollgas-Wirdschonwerden-Typen bekamen praktisch immer Recht, vor allem über etwas größere Zeiträume (unkaputttbare Konzerne, Aktien steigen immer).

Und deswegen ist alles so, wie es ist.

Weil das System nicht auf Fakten reagiert, sondern auf abstrakt vorgegebene Ziele, die unter allen Umständen zu erreichen sind.
Und wer erreicht sie ? der kleine Beschäftigte mit seiner Arbeitsleistung. Durch den wirtschaftlichen Druck der Realität und durch die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Die wäre dann aber für seine Familie echt und nicht mehr fiktiv.

Das ist wie der 5-Sterne-General, der im Sessel hockt und Cognac schlürft, der seine Frontschweine als Kanonenfutter im Dreck, im Blut und Morast völlig unbeteiligt verheizen kann. ER ist ja weit weg. Und was interessieren den schon irgendwelche Namen auf Zetteln.....

Die Welt der Banken, der Versicherungen, und der Politik läuft meiner Ansicht nach genauso wie das Militär. Es ist ein geschlossenes System. Eine oftmals völlig fiktive, realitätsferne Welt.

Beste Grüße vom Baldur

--
Der Hörer an der Wand hört seine eigne Schand

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