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Sehr interessant, danke

Morpheus @, Samstag, 31.08.2013, 14:08 (vor 4594 Tagen) @ DT

lieber DT,

diese Berichte sind wirklich toll.

Die Bautätigkeit ist nicht mehr ganz so stark. Ich habe jedoch mit
eigenen Augen gesehen, daß ganze Gruppen von Hochhäusern leerstehen.
Überall sind Flyer und Plakate, die für Apartments werben.

Mein Kollege in Beijing hat mir gesagt, daß sein Apartment, das er 2006
für ca 75000 EUR gekauft hat, jetzt 750 000 EUR wert ist. Eine
Verzehnfachung im Preis. Das ganze ist noch nicht mal was besonderes, 150
m², Lage in der Nähe des dritten Rings, nicht super fancy. Supertolle
Apartments in der Nähe gehen für 13000 EUR den m². Eine zweite Wohnung,
die er 2006 für seine Eltern gekauft hatte, hat dasselbe gekostet, aber
nur 75 m² (Lage ähnlich).

Tja, wenn da keine Kreditblase dahinter steht? Die holen im Turbo-Tempo nach, was bei uns mehr als zwei Jahrzehnte gedauert hat, schaffen die in einem.

Er hat sich gerade einen neuen Audi A4L 3.5 TFSI gekauft und dafür sein
Jahresgehalt und das seiner Frau ausgegeben. Ca 300 000 RMB, das sind etwa
40000 EUR, kommt mir günstig vor.

Was mir deutlich aufgefallen ist: die Qualität der Bauten ist doch sehr
niedrig. Was mich bei meinen Besuchen seit 2007 so beeindruckt hat, die
vielen nagelneuen Bauten, das hat mich doch jetzt etwas ernüchtert zurück
gelassen. Die olympischen Sportstätten sehen zT richtig zerfleddert aus,
gerade beim Schwimmstadion merkt man das. Das Olympiastadion zeigt zT schon
Rost. Das ganze ist ja erst aus 2008, kann aber sein, daß Regen plus SO2
aus der Luft aggressive Schwefelsäure ergeben und das alles sehr
angreifen.
Aber auch andere Gebäude, Sportstätten von Olympia die zT auf
öffentlichen Geländen stehen und eifrig genutzt werden als Sporthallen,
weisen zT fürchterliche Fassaden und Defekte auf. Risse, abgeblätterter
Putz und ganz schlimm: verrostete Oberfläche, wo wohl einfach nur weiße
Farbe auf das nicht grundierte Metall aufgebracht wurde.

Es scheint wohl kein Geld für Wartung dazusein, und auch beim
Saubermachen wird wohl einfach nur der Dreck von den Treppen gekehrt oder
gespült und läuft dann die Wände runter.

An der fehlende Wartung sieht man das eigentliche Problem aller Infrastruktur. Das ist auch in D deutlich zu erkennen. Man schafft es kaum noch die viele vorhandene Substanz zu unterhalten, weil die Priorität liegt nach wie vor auf den Neubau.


Was mich gewundert hat, ist, daß Siemens und die CRH (Chinesische
Staatsbahn) dieselbe Technologie nutzen wie in D, daß jedoch DORT die
Züge im 15 Min Takt fahren können und mit 300, und bei uns nicht. Wieso
sabotieren Grube, Kefer und Konsorten unsere Infrastruktur? Da wird doch
das Bahnnetz bewußt kaputt gemacht. Deutsche Technologie läuft in China
einwandfrei.

Die haben eben eine einfach Trasse, auf der nur dieser Verkehr läuft. Die Komplexität unsere Infrastruktur macht glaube ich schon ein paar Probleme. Das beginnt mit den vielen Kurven und endet bei alten Stellwerken, Weichen und Signalen. Und davon ist/war eben sehr viel altes vorhanden. Dieses "Alte" jeweils nur das aktuelle "Neue" auszutauschen, ist das was nicht funktioniert. Bei uns nicht und es wird in 10 bis 50 Jahren (je nach Qualität bei der Errichtung) in China auch nicht anders sein. Es wird einfach kein Geld dafür eingeplant, ein altes, noch funktionierendes Stellwerk auszutauschen. Es wird so lange auf Verschleiß gefahren, bis es zusammen bricht. Erst dann wird etwas unternommen. So wird einerseits weiterhin neues geschaffen, was sonst unmöglich wäre, wenn das Geld stattdessen in die Erneuerung der vorhandenen Substanz gehen würde. Und andererseits wird der Investitionsstau geschaffen, der am Ende zum Kollaps führt.
Das Neue freut Bürger und Politiker gleichermaßen. Der Anstehende Stau wird einfach ausgeblendet. Es ist eben lange ein schleichender Prozess. Der Übergang von
-- alles ist neu und läuft prima
-- es ist älter, aber geht gut
-- es ist alt, aber es geht schon noch
-- es ist alt, man müsste dringend was tun, es hat aber gerade keine Prio
-- es ist sehr alt, aber wir haben kein Geld für die Erneuerung, wir bessern die zwei kritischsten Schwächen aus
-- es geht gar nichts mehr, jetzt muss alles erneuert werden
ist eben sehr fließend.
Im Zusammenhang mit den Skandal um die Mainzer Stellwerke kam raus, dass wir noch etliche Stellwerke haben, die rein mechanisch arbeiten. Das dürfte alles Technik sein, die wahrscheinlich aus den 20iger und 30iger Jahren kommt.
Da kommt unser Wohlstand her, weil das damals geschaffen wurde und wir es heute immer noch nutzen können.

Was würde es kosten, wenn Grube nicht wie seit kurzem die
ICEs nur noch alle 4 Wochen wäscht, sondern wieder wie früher alle 2
Wochen oder sogar täglich einmal so eine Putztruppe durch den Zug schicken
würde und auch außen einmal wischen würde? Ich hatte neulich einen Zug
morgens früh, der war noch vom Vorabend total verdreckt. Müssen die
Vasallen auf Befehl der Besatzer uns so etwas zumuten?

Wenn er Chinesen ein fliegen dürfte, die es zu chinesischen Löhnen in D machen dürften, wäre es wahrscheinlich kein Problem. Das Problem, auch bei der Erneuerung von Infrastruktur, sind die gestiegenen Brutto-Brutto-Arbeitskosten. Man kann heute nicht mal im Ansatz mehr das leisten, was in D noch vor 50 Jahren möglich war. Der Anteil der Abgaben an die Staatsmafia verhindert das. Denn die Netto-Löhne mit Netto-Kaufkraft sind heute wahrscheinlich sogar niedriger als vor 50 Jahren. Hinzu kommen die Mehrkosten durch die Regulierung. Meinst du in China existiert unsere 100% Vollkasko-Mentalität. Wenn da mal ein paar Menschen umkommen, interessiert das niemanden. Ist halt so, fertig. Bei uns muss das aber durch stetig verschäfte Vorschriften um jeden Preis verhindert werden. Auch die Umweltkosten sind bei uns inzwischen durch Regulierung viel höher. Das freut Staat, Bürger und Industrie gleichermaßen über lange Zeit. Der Staat kann seinen Nutzen beweisen, die Bürger fühlen sich sicher und gut versorgt. Die Industrie kann höhere oder mindestens gleichbleibende Preise für ihre Leistungen fordern. Der deflationäre Druck wird gemindert. Wenn dann die Alt-Substanz, die vor den neuen Auflagen geschaffen wurde, die aber "Bestandschutz" hatte, erneuert werden muss, kommen zu den Staatsmafia-Kosten die Kosten für die neuen Standards hinzu. Der 1:1 Ersatz kostet heute ein vielfaches der Ursprungskosten und es wird nichts neues geschaffen. Keine Steigerung der Leistungsfähigkeit der Infrastruktur, nichts. Nur Kosten, kein wirklicher Nutzen. Ja, dann steht der Kollaps vor der Tür.


Tianjin ist nicht ganz so weit entwickelt wie Beijing, aber sehr schön,
ein Fluß, sehr grün, nicht ganz so viel Verkehr.

Die Ubahn in Peking hat mir dann gezeigt, daß man ohne Probleme 10 Mio
Passagiere am Tag befördern kann, und daß die Ubahnen im 1.5 Min Takt
fahren können, und daß stets Vollzüge fahren können, ohne Probleme.
Wieso gibt es bei uns Situationen wie in Berlin, in Stuttgart, in Mainz?
SABOTAGE von ganz oben?

Weil das vielfach uralt ist oder in den 90iger Jahre möglichst billig umgestellt wurde (und jetzt schon wieder verrottet ist). Und eine solide Erneuerung keiner bezahlen will und kann. Bei uns fahren diese S- und U-Bahnen teilweise schon über 100 Jahre. Den Wohlstand, den wir uns damals mal erarbeitet hatten, den haben wir mit viel Freizeit und Urlaub etc. inzwischen aufgegessen. Wir hätten in den letzten 50 Jahren, stets und ständig viel mehr in die Erneuerung der Infrastruktur investieren müssen. Haben wir nicht gemacht. Inzwischen ist es einfach sinnlos geworden. Wir können es so oder so nicht mehr schaffen. Das sieht jeder Blinde. Wir haben viel zu viel Infrastruktur. Wir können schon kaum noch einfache Straßen auf einem fahrbaren Niveau halten. Auch da ist die Substanz im Unterbau inzwischen häufig weg gespült.


Bei den Besatzern sieht es kein bisschen besser aus. In den USA kann ich eher erkennen, dass es vielfach noch schlimmer aussieht. Die haben aber einen Vorteil, sie haben niemals die deutsche Komplexität (und Qualität) eingeführt. Das hält die Kosten etwas niedriger. Aber dafür macht ihnen die Größe des Landes eben auch zu schaffen. Viele Menschen auf wenigen Quadratkilometer können eine ganz andere Infrastruktur erst einmal erwirtschaften. Das ist auch ein Vorteil bei den Chinesen.

Nur das bittere Ende kommt bei uns auch, nicht nur bei den Majas und den Römern. Da mögen die Besatzer mit ein paar Milliarden Geld abziehen, aber der Kern unserer Probleme ist systembedingt.


Grüße
Morpheus

--
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