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@dottore, die Abgaben an die Pharaonen

dottore @, Dienstag, 01.01.2008, 07:27 (vor 6596 Tagen) @ Bambus

Hi Bambus,

ich habe in den letzten 3 Monaten nach Büchern über Psychohistorie gesucht
und einen Interessanten > 800 Seitenschinken durchgeackert: Mythos der
Maschine von Lewis Mumford. Ich unterstelle mal, das Sie es kennen.

Ja. Das war wirklich ein interessanter Kopf, gänzlich off-mainstream.

Der Mumford ist nun nicht von der Geschichte des Menschen als
Werkzeugproduzierendes Wesen ausgegengen, sondern als ein Wesen, das
massive Probleme mit seinem überaktiven Gehirn hat. Außerdem beginnt für
Mumford die Geschichte des Menschen bevor er sprechen konnte. Die
Erfindung der Sprache und die Form wie die Menschen die Sprache erlernten
(Rituale) ist für Mumford das Grundrüstzeug wie die Menschen sich
weiterentwickelten.

Ja, sehr umfangreiche Literatur dazu.

Mumford entwickelt nun eine Theorie der ersten Megamaschine in Form des
Pyramidenbaus.

Das habe ich nie verstanden, warum einen Pyramide eine "Maschine" sein soll. Es gibt ja weiter südlich (bis Nubien, Stichwort "Kush") zahllose kleinere Pyramiden, die unschwer in Handarbeit (Stein auf Stein) zu errichten waren. Da sich weltweit das Pyramidenphänomen zeigt, ist vieles unklar. Vielleicht ist die Pyramide auch nur die Fortsetzung der Einzelsteinsetzung, vgl. Carnac, vgl. Menhire, Dolmen usw.

Andererseits ist das "Maschinelle" gerade bei Megalithbauten nicht klar. Wenn ich an Malta mit seinen "Schienen" (im Hochland und bis ins Meer) denke, bin ich ratlos. Vielleicht waren es auch nur Megalith-Transportwege? Die vor Ort gegebenen Erklärungen für die Megalithbauten (angeblich älteste Tempelanlagen überhaupt) mit wahren Mega-Brocken lauten auf: Das sei mit Hilfe von Holzrollen bewerkstelligt worden.

Im Rahmen dieser Theorie beschreibt er eindrucksvoll das Zusammenwirken
von der gewalttätigen Macht des Pharao, um die Überschüsse von den Dörfern
abzufordern und dem freiwilligen Abgeben des Überschusses an den
Sonnenkönig (Pharao) als Opfergabe im Rahmen des religiösen
Sonnengottkults.

Nicht einverstanden. Dies würde bedeuten, dass die Pharaonen quasi autochthone Herrscher waren (entwickelt aus "normalen Chiefs"?). Mit schwebt da eher eine Herrscher-"Rasse" vor (Nubier?), welche die Ur-Einwohner unterjochten usw. und zu entsprechenden Verherrlichungsbauten zwangen. Mir ist kein Beispiel bekannt, wo "Chiefs" ihre Stammesunteren zu derart kolossalen Bauwerken begeistern konnten, man vgl. dazu u.a. Hawaii, wo immerhin 100.000 Menschen auf kleinerem Raum zusammen waren und die Herrscher außer Kultplätzen (siehe die Abb. zu dem illustrierten Bericht über das Cook'sche Debakel) mit relativ bescheidenen "Pfählen" keine "Großanlagen" errichten ließen.

Mit der Fertigstellung der Pyramide konnten die Menschen dann
eindrucksvoll die Pyramide bestaunen, für die sie die Abgaben auch
freiwillig/opfer gaben um dem Sonnengott/Pharao zu huldigen.

Kann gut sein. Aber um welche "Menschen" mag es sich gehandelt haben? Fürs "Bestaunen" allein wird - außer im modernen "Tourismus" - nie gezahlt. Dazu bedarf es einer handfesten Ideologie (Religion), z.B. : wer nicht "opfert" - auf den warten schlimme Dinge im Dies- oder Jenseits.

Diese Idee der Realisierung einer Abgabe, durch eine gewalttätigen Macht
gefordert und wegen religiöser Gefühle geopfert finde ich genial. Die
Abgabe wird in die gleiche Richtung nämlich in der Hierachie nach oben
gezogen und geschoben.

Auch gut möglich. Doch mir fehlt ein "Druck" zum Opfern. Religiöse Gefühle ohne "Gut und Böse" (wobei der Böse durchs Opfer - und sei's im Totenbett - doch zum Guten sich wandeln kann) machen so recht keinen Sinn.

Heutige Parallele ist das freiwillige disziplinierte Arbeiten für den
Mammon und die Abgabe (Steuern und Sozialversicherung) zahlen, weil der
Staat das mit Macht durchsetzt, aber eben auch für ein fast religiös zu
bezeichnendes höheres Ziel (z.B. für die Sicherheit im Staate) freiwillig
zu opfern/ zahlen.

Zustimmung, wenn auch eingeschränkt. Weder vor Reichstag, BuKa-Amt, Buckingham-Palace, Weißem Haus usw. stehen Opferstöcke. Andererseits ist die Ideologie der Demokratie in der Tat ein weites Feld.

Diese freiwillige bzw. opfernde Element fehlt mir in Ihrer Machttheorie
des Geldes.

Mit dem "freiwilligen" eher nicht d'accord, mit dem "opfernden" (ex als "religiös" empfundener Schuld) dagegen durchaus. Die ganze Tempel-Problematik (z.B. Tempel Salomons, die Massen von römischen Tempeln) bedarf noch eines monetären Substrats.

Zudem fällt mir gerade ein, das auf irgend einem Geldschein eine Pyramide
gedruckt ist.

US-Dollar-Note? Aber deren Geschichte ist eine andere.

Desweiteren beschreibt Mumford, das im Rahmen des Pyramidenbaus
massenweise Befehle in schriftlicher Form gegeben wurden. Mumford meint
nun, das diese Art des Schrifttums die Menschen nicht nur beeindruckte
weil es schriftlich war, sondern auch per Macht durchgesetzt wurde. Zudem
noch vom religiös besetzten Sonnengott Pharao.

Solche Befehle in schriftlicher Form wären ungewöhnlich, da die "Hochsschrift" die Hieroglyphe war (dem einfachen Mann rätselhaft). Sollten des Pharaos direkte Ministerialen eine Volksschrift verwendet haben?

Mumford deutet hier an, das auch heutige Schriftstücke allgemein etwas
Machtvolles und Religiöses an sich haben. Von Schreiben (Bescheiden) vom
Amt ganz abgesehen.
Zumindest der Spruch „ da steht es schwarz auf weiß“ deutet noch auf eine
gewisse Gläubigkeit hin.

Richtig. Aber so etwas einfach um 4500 Jahre zurückdatieren?

Ich würde mich freuen, wenn Sie vielleicht Grundsätzlich eine Einschätzung
zu Mumford geben könnten. Der hat ja nun einen völlig anderen Blick auf die
Geschichte als ich je gehört habe.

Der M.'sche Ansatz verdient es, vertieft zu werden. Was uns allgemein fehlt, ist Geschichte des Alltags, der Abgaben usw. - mit der "Kriegs- und Herrschaftsgeschichte", wie sie das Geschichts"bild" bis heute prägt, ist es sicher nicht getan.

Ich untersuche gerade Mari (Königreich am Euphrat). Dort ist jeder, der nicht König ist, "muskenum". Das Wort leitet sich ab von "sukenum", lt. CAD: "to prostrate (niederwerfen) oneself, to submitt (unterwerfen), to do obeisance" (gehorchen, folgen).

Den suchenden und unwissenschaftlichen Gruß erwidernd!

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      • @dottore, die Abgaben an die Pharaonen - Bambus, 02.01.2008, 15:28
    • Mythos der Maschine von Lewis Mumford online lesen, m.L. - Panzerknacker, 03.01.2008, 10:04

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