Eher zu lange Bemerkungen meinerseits :-(
Hallo Miesepeter
Ich möchte keinesfalls relativieren, was du schreibst, ich kann durchaus nachvollziehen, wie Du argumentierst. Der wesentliche Unterschied zu mir ist meine Interpretation der gleichen Fakten. Ich zäume das Pferd zur Abwechslung vom Schwanz auf:
[color=#996600]> Der Staat sind nicht wir. Der Staat sind die Fuehrungsmanipulanten. Und die Erfuellungsgehilfen. Konstituiert wird der Staat durch die besudelte Mehrheit. Durch das Gewoehnliche. Nur wer sich zu einer dieser drei Gruppen gesellt, kann fuer sich die Teilhabe am Staat beanspruchen. [/color]
Das halte ich im Sinne Deines Modells für eine Erklärung, in meinem Modell sind es leiglich Ausreden. Es geht nicht darum, ob der Demos geführt wird, sondern darum, dass der Demos sich selbst führen könnte, es aber nicht tut. Er lässt es zu, obwohl er über die Masse die Macht hätte, die Macht der Masse für sich zu beanspruchen. Aber er tut es nicht. Statt dessen erwartet er, dass andere für ihn diese Aufgabe freiwillig erfüllen. Mit anderen Worten, der Demos ist zu faul, seine Macht auszuüben, erwartet aber von Einzelnen oder von Subgruppen, dass die nicht zu faul sind und seinen Job für ihn erledigen. Deshalb gilt in meinem Modell selbst unter der schlimmsten Diktatur: Der Staat sind wir, denn wir lassen es ja zu, obwohl wir anders könnten.
Natürlich könnte man einwenden, ein geschlossenes Aufbäumen des Demos ist rein theoretischer Natur. Dem will ich entgegenhalten, dass selbst bei einer Wahrscheinlichkeit nahe Null die Theorie lediglich sehr unwahrscheinlich ist, aber nicht unmöglich und als weiteren Punkt, der Demos lässt sich regelmässig zu allem Möglichen motivieren, z.B. für Kriege. Ironischerweise sogar zu seinem Besten, für Freiheit und Demokratie und den ganzen Quatsch, seine Motivation basiert in neuerer Zeit praktisch ziemlich genau auf seinem theoretischen Potential, das hiesse, es müsste ihm einleuchten, dass praktisch der Demos immer wieder seine Macht demonstriert, sie aber hinterher leichtfertig wieder abgibt, weil er meint, besagte Ziele nun erreicht zu haben. Er hält seine Macht in Händen und übergibt den Stab jedes Mal an die bestimmenden Subgruppen. Er könnte, wenn er wollte.
Hypothetisch: Bildet sich ein Staat, muss jeder Bürger Rechte (Macht) am Eingang abgeben, um seine Stellvertreter damit zu bevollmächtigen. Weil es diesen Eingang aber nur hypothetisch gibt, ausserdem der Nachwuchs ungefragt in den Staat hineingeboren wird, stellt sich die Frage, wie man sich das nun alles vorzustellen hat. Durch die de facto immer beim Demos liegende Macht besteht also jederzeit die Möglichkeit, die abgegebenen Rechte (Macht) zurückzufordern und neu zu organisieren. Wer diese Macht aber nicht zurückfordert, gibt damit sein stilles Einverständnis, dass er am status quo nichts ändern möchte.
Hier wiederum lässt sich einwenden, dass kaum jemand freiwillig seine ihm früher übertragene Macht abgibt, wenn er nicht unbedingt muss. Richtig, praktisch sieht das alles etwas düsterer aus als in der Theorie, aber machbar wäre es und somit wieder: Der Staat sind wir.
Ein weiterer Einwand könnte sein, dass die Heterogenität der Bürger kaum je ein geschlossenes Auftreten des Demos erlaubt. Auch das ist richtig (bedingt, weil nur äusserst unwahrscheinlich), aber so ist unsere kleine bescheidene Welt nunmal, (für die Praxis würde übrigens eine handlungsfähige Mehrheit genügen und schon steigen die Wahrscheinlichkeiten). Es wird auch in einem realistischen Demos immer Minderheiten geben, die sich einer Mehrheit widersetzen, aber man beachte bitte besonders den Begriff Mehrheit -> die Macht der Mehrheit. Das wäre im Modell der Demokratie tatsächliche Macht, nicht übertragene Macht oder angeeignete.
Es gibt ausserdem Randbedingungen, denen wir uns zu fügen haben. Wir können zwar auswandern (Abstimmen per Flucht), aber nur innerhalb der planetaren Atmosphäre. Also bleibt zu konstatieren, dass sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Plätzchen sucht, das ihm am besten gefällt und das ist dann sein persönliches Optimum. Was darüber hinaus geht, muss sich der örtliche Demos erarbeiten. Wenn wir anfangen, darüber zu diskutieren, dass man lieber im Paradies leben würde, aber mangels finanziellen Möglichkeiten nicht dorthin kann, dann wird die ganze Diskussion sinnlos, weil sich darunter jeder etwas anderes vorstellt. Also müssen wir die Eichung so ansetzen, dass wir das, was wir vorfinden als unsere gegebene Umwelt akzeptieren, die wir in Massen ändern können. Träume lassen wir aussen vor, weil Diskussionen über Schäume sinnlos sind.
[color=#996600]> Da die Triebfedern aber Angst und hormongetriebene Gier sind, funktioniert insbesondere eines: Das Schwein mit diesen beiden Peitschen ueber den Marktplatz zu treiben. [/color]
Ich habe stets versucht, mit Oberbegriffen zu argumentieren, wenn es die Materie erlaubt. Ich bin der Überzeugung, auf die spezifischen Ursachen für Egoismus zur Vereinfachung des Modells verzichten zu können. Der eine ist egoistisch, weil er Angst hat, ein anderer nimmt ihm was weg oder fügt ihm was zu, ein anderer ist egoistisch, weil seine Hormone ihm gebieten, über andere oder anderes zu gebieten. Egoismus heisst letztlich nur, dass man seine individuellen Gründe den anderen vorzieht. Es ist sicher interessant, ins Detail zu gehen, jedoch versuche ich vorzugsweise, mit Oberbegriffen zu hantieren.
[color=#996600]> Wenn Altruismus die Triebfeder menschlichen Handels waere, dann wuerde Anarchie funktionieren. Der Sozialismus wuerde auch funktionieren. Die freie Marktwirtschaft wuerde auch funktionieren! [/color]
Um Missverständnisse zu vermeiden, ja, Marktwirtschaft würde auch funktionieren, sagt doch der Begriff nichts darüber, warum man marktwirtschaftet.
[color=#996600]> Und nun fuehre man sich vor Augen, dass gewisse inzuechtige Subgruppen seit mehreren Jahrhunderten ueber viele Generationen immer damit umgehen, wie man das verfeinern kann, wie man die komplexe Masse fuer sich arbeiten lassen kann, wie man den Demos fuehrt. Waehrend der grosse Teil des guten Demos in der gleichen Zeit sich munter die Zeit mit Brot und Spielen, Biertrinken und Plackerei vertreibt. Diese soziale Evolution oeffnet eine Schere, in der die Faehigkeit, mit komplexen Themen umzugehen, sehr einseitig zugunsten einiger Gruppen verteilt ist, und die Schere geht immer weiter auf..... [/color]
Auch dem stimme ich vollumfänglich zu, auch wenn ich nicht die Kenntnisse besitze, die Praxis überzeugend auszubreiten. Aber allein aus evolutionären Überlegungen heraus bin ich der Meinung, dass jede Population oder, im Falle des Homo sapiens, welche Subpopulation dazu neigt, seiner Umwelt mit Anpassung zu begegnen. Bleibt die Frage, welche Subpopulationen mit welchen Strategien langfristig am erfolgreichsten sind. Es könnte zu überraschenden Wendungen des vermeintlichen Schicksals kommen.
[color=#996600]> Wie Dottores Machttheorie ausweist, sind es nicht immer nur die Findigen, manchmal sind es schlicht und ergreifend auch nur die skrupellosesten, brutalsten, jederzeit zum scheinbar unmotivierten Morden Bereite. William the Conqueror hat den englischen Staat nicht durch besondere Findigkeit begruendet. [/color]
Und wieder, volle Zustimmung. Dennoch gilt auch hier für mein Modell: Egoismus, aus welchen Gründen auch immer. Mir ist bekannt, dass auch an der Börse die Psychopathen die erfolgreichere Subspezies sind. Es ist nicht wichtig, warum der William erfolgreicher war und wie er es bewerkstelligt hat, Fakt ist, er war erfolgreicher. Fakt ist, dass der Demos seine Rechte gar nicht oder nicht erfolgreich eingefordert hat. Fakt ist, dass der Demos letztlich William the Conqueror als umweltbestimmenden Faktor akzeptiert hat und die ausschlaggebende Teilmenge ihre persönliche Bilanz dahingehend abschloss, dass dies für sie die beste aller Welten sei, sie hat damit bewusst auf einem Beharren auf ihren Rechten verzichtet zu Gunsten von William. Dennoch ist jeder Partial-Demos Teil des Staates, wäre es nicht so, gäbe es keinen Staat. Spätestens wenn man einem Feind gegenüber an der Front steht, muss man akzeptieren, dass man Teil des diesseitigen Staates ist. Wer sich dem entzieht, wird gnadenlos verfolgt und verurteilt. Alle weniger Erfolgreichen sind entweder verschwunden oder haben sich angepasst. Ich weiss, für den Einzelnen ist diese Einsicht je nach Umwelt bisweilen sogar widerwärtig, dennoch vielfach ausweglos.
Es gibt Realitäten, die will man einfach nicht wahrhaben. Ich fühlte mich auch als Weltbürger und stand pflichtgemäss mit 20 Lenzen in der Rekrutenschule. Selbst ein alternativer Gefängnisaufenthalt hätte mich nicht von meiner "der Staat sind wir"-Eigenschaft befreit, wäre ich doch so steuerpflichtig wie jetzt. Als Schweizer komme ich vielleicht auch häufiger mit dieser Frage in Berührung, denn sobald ich abstimme, bin auch ich der Staat, desgleichen wenn ich wähle. Wenn der Deutsche nur alle 4 Jahre zur Wahlurne gebeten wird, so ist er in diesem Augenblick ganz und gar Staat und erteilt mit seinem Wahlzettel seinen Stellvertretern den Auftrag für ihn Entscheidungen. Seit wir Demokratien haben und leben, müsste uns dieser Umstand noch viel wirklicher vorkommen als wenn jemand unter William the Conqueror sein Dasein fristet.
Es ist im Prinzip nicht viel anders als wenn Du ein Flugzeug besteigst. Du kannst noch lange behaupten, Du seist kein Passagier - jeder der sieht, dass Du einsteigst und fliegst wird Dich als solchen bezeichnen. Klar gibt's Unterschiede zum Staat, z.B. bist Du freiwillig eingestiegen, aber schon die orangebemützten Taliban auf dem Weg nach Guantanomo sind das nicht, und doch waren sie Passagiere. Ok, Du könntest behaupten, Du seist Frachtgut und keine Passagier, aber das sind Spitzfindigkeiten die ins Absurde abgleiten. Ohne Bürger kein Staat ergo ist jeder Bürger auch Staat, ob er will oder nicht. Wenn es Dir hilft, jeder darf sich als nicht zugehörig fühlen, wenn er mit den Widersprüchen zurecht kommt.
Grüsse
kosh
gesamter Thread:
- @Baldur: Der Demos, seine Ressourcenfehlallokationen und seine Ignoranz gegenüber selbst erschaffenen Wellenphänomenen -
kosh,
18.01.2008, 02:32
- Der Demos, und die Gesetze der Natur -
Baldur der Ketzer,
18.01.2008, 02:54
- Dummschwärmerei oder kühlen Kopf bewahren -
kosh,
18.01.2008, 03:55
- Dummschwärmerei oder kühlen Kopf bewahren -nun ja -
Wanja,
18.01.2008, 04:43
- Ich geb's ungern zu :-), ich habe mal ein Buch gelesen, ... -
kosh,
18.01.2008, 06:29
- Kleine Anmerkungen, ... -
Miesespeter,
18.01.2008, 09:37
- Eher zu lange Bemerkungen meinerseits :-( - kosh, 18.01.2008, 11:33
- Ich geb's ungern zu :-), ich habe mal ein Buch gelesen, ...echt?? -
Wanja,
18.01.2008, 12:57
- @Wanja ...echt?? - kosh, 19.01.2008, 07:52
- Dein Beitrag hier gefaellt mir ausnehmend gut, Wanja, echte Klasse! (oT)
-
Tassie Devil,
20.01.2008, 02:10
- Kleine Anmerkungen, ... -
Miesespeter,
18.01.2008, 09:37
- Ich geb's ungern zu :-), ich habe mal ein Buch gelesen, ... -
kosh,
18.01.2008, 06:29
- Dummschwärmerei oder kühlen Kopf bewahren -nun ja -
Wanja,
18.01.2008, 04:43
- Dummschwärmerei oder kühlen Kopf bewahren -
kosh,
18.01.2008, 03:55
- Der Demos, und die Gesetze der Natur -
Baldur der Ketzer,
18.01.2008, 02:54
