Münzhorte und ökonomische Theorie
Hi,
in der herkömmliche Ökonomie gilt "Geld" quasi als blinder Fleck oder als "Schleier" (Pigou), der nur weggezogen werden muss, um die "wirkliche" Wirtschaft analysieren zu können (Input-/output-Analyse usw.). Ansonsten ist es ein "Tauschmittel", also etwas, das das Wirtschaften "erleichtert".
Dass Geld bzw. das ihm in früherer Zeit zugrundeliegende EM ein Machtderivat ist und ergo eine ökonomische Analyse beim Machtproblem anzusetzen hat, wird nur bei off-mainstreamern bzw. "Soziologen" thematisiert. Dabei ist schon des öfteren auf Franz Oppenheimer ("Der Staat") hingewiesen worden und seine auch in Wiki nachzulesenden Kernsätze:
1. "(Jeder Staat ist) seiner Entstehung nach ganz und seinem Wesen nach auf seinen ersten Daseinsstufen fast ganz eine gesellschaftliche Einrichtung, die von einer siegreichen Menschengruppe einer besiegten Menschengruppe aufgezwungen wurde mit dem einzigen Zwecke, die Herrschaft der ersten über die letzte zu regeln und gegen innere Aufstände und äußere Angriffe zu sichern. Und die Herrschaft hatte keinerlei andere Endabsicht als die ökonomische Ausbeutung der Besiegten durch die Sieger. Kein primitiver »Staat« der Weltgeschichte ist anders entstanden...".
2. „Jeder Staat der Vergangenheit und Geschichte, dem dieser Name unbestritten zukommt, jeder Staat vor allem, der in seiner Entwicklung zu höheren Stufen der Macht, der Größe und des Reichtums weltgeschichtlich bedeutsam geworden ist, war oder ist ein Klassenstaat, d. h. eine Hierarchie von einander über- und untergeordneten Schichten oder Klassen mit verschiedenem Recht und verschiedenem Einkommen."
3. „Der unversöhnliche Zwiespalt der Theorien vom Staate erklären sich daraus, dass keine von ihnen vom soziologischen Gesichtspunkte aus entstanden ist. Der Staat ist ein universalgeschichtliches Objekt und kann nur durch breit spannende universalgeschichtliche Betrachtung in seinem Wesen erkannt werden. Diesen Weg (...) hat bisher, außer der soziologischen, keine Staatstheorie beschritten. Sie alle sind als Klassentheorien entstanden“ (Gesammelte Schriften, Bd.2, S.312).
4. „Man kann den Staat auffassen als eine ökonomische Kollektivperson der herrschenden Klasse, die sich die Arbeitskraft der Untertanen als »Wertding« beschafft hat“ (Oppenheimer, Das Kapital, S.84).
5. „Die »Ursprungsnorm« dieser Verfassung lautet: Ihr sollt uns unentgolten steuern; zu dem Zwecke habt ihr zu gehorchen, wenn wir befehlen, sonst trifft euch die Sanktion, die uns beliebt“ (Oppenheimer, System der Soziologie, Bd. II, S.308).
Die Geschichte gerade Nordeuropas scheint ihm Recht zu geben (die Oppenheimer nur kursorisch geläufig war). Im Zentrum steht dabei u.a. das sog. "Danegeld", ein von den siegreichen "Nordmännern" (Normannen) diversen weiter südlich gelegenen Gemeinwesen auferlegt wurde. Dabei wurden Dutzende von Tonnen Silber abgefordert (hier wieder ex Wiki):
"Der Ausdruck bezeichnet eine Abgabe, mit der die Dänen bewogen werden sollten, von ihren Raubzügen Abstand zu nehmen. Sie hat ihren Ursprung bei Æthelred in dessen Vertrag von 991 nach Ealdorman Brihtnoths Tod im Kampf von Maldon.
Die Chroniken berichten, dass dies der Anlass war, einen Tribut von 10.000 Pfund Silber an die Dänen zu entrichten. Treibende Kraft war Erzbischof Sigerich, so dass es bei späteren Autoren Siricius-Danegeld genannt wurde.
Diese Danegeld-Zahlungen waren ein spezifisches Merkmal von Æthelreds Herrschaftszeit. 994 wurden 16.000 Pfund Silber gezahlt, 1002 waren es 24.000 Pfund, 1012 waren es bereits 48.000 Pfund. Porkell hávi kam da mit 45 Schiffen, um den Tribut einzutreiben, anschließend unterstellte er sich Æthelred.
Mit dieser Zahlung änderte sich der Charakter des Tributes. Von jetzt an diente die Abgabe der Unterhaltung des normannischen Heeres zur Verteidigung des Landes. Die Angelsächsische Chronik bezeichnet nun die Abgabe als gyld, stang gyld in einzelnen Fällen auch heregyld (Zahlung, schwere Steuer, Heeressteuer). 1018 erhob Knut der Große einen Tribut von insgesamt 82.500 Pfund Silber, mit dem er seine Truppen entlohnte. Die Masse der Münzen aus der Zeit Æthelreds in skandinavischen Horten bestätigt diese Berichte."
Was machten die Truppen mit dem Geld?
Zum Teil beschafften sie sich im jeweiligen Ursprungsland Waren (sog. "Machtkreislauf") oder zahlten ihrerseits - sofern dann ebenfalls unterworfen - die geforderten Tribute oder sie horteten es. Die Horte reichen - wie schon dargestellt - bis hinauf zu den Lofoten, wo bisher 4 Funde mit Geprägen gemeldet wurden (Weisgerber), die aus einem islamischen Reich des 8./9. Jh. im weit entfernten Afghanistan stammen. Mit "Handel" kann dies kaum erklärt werden, mit Beuten bzw. Söldnerzahlungen umso leichter.
Im Ostseeraum, also der Herkunftsregion der "Vikings", finden sich sich massenweise Horte, wobei das darin vergrabene EM nur schwerlich aus "Handelsbeziehungen" stammen kann. Nach einer Aufstellung des Museums für Hamburgische Geschichte, Abt. Münzkabinett, das diese Horte minutiös in vielen Bänden auflistet, wobei auch die Ergebnisse der Forschungen anderer Staaten einfließen, ergeben sich nach einer Aufstellung aus den 1990er Jahren diese Zahlen:
Münzen insgesamt / orientalische / deutsche / englische:
- Schweden (vor allem Gotland): 208.000 /80.000 / 85.000 / 43.000
- Altrussland: über 36.350 / ? / 33.000 / 3.350
- Polen: über 26.000 / 53.000 / 1.300
- Dänemark: 18.500 / 4.000 / 9.100 / 5.400
- Estland: 17.500 / 5.000 / 10.500 / 2.000
usw. Laufend erhöht sich die Zahl der gefundenen Horte.
Die orientalischen Gepräge liegen zwischen 3 und 4 Gramm, die deutschen und englischen um die 2 Gramm.
Arkadi Molvogin hat die estischen Funde genauer dargestellt. Sie verteilen sich über das gesamte Land, ein Schwerpunkt entlang der Küsten (Häfen?) ist nicht erkennbar. Einer der größten Funde (3,4 Kilo) liegt tief im südlichen Landesinneren, fernab der rekonstruierbaren Straßen, womit sich die Interpretation als "mittels Handel gewonnen" wohl erledigt. Es dürfte sich vielmehr um einen Hort handeln, den ein dort ansässiger Bauern-Krieger-Söldner nach Abschluss seiner "Feindfahrt" an dieser Stelle verwahrt hat.
Die estnischen Horte enden auch just, nachdem das Gebiet im 11./12. Jh. von einer deutsch-dänischen Streitmacht erobert wurde. Damit waren die Esten ihrerseits tributpflichtig. Warum sie keinen Handel mehr getrieben haben sollten, ist nicht nachvollziehbar. Der Landweg war nach wie vor frei, der Seeweg - via Ostsee (vgl. die Gründungsdaten der dortigen "Handelsmetropolen") - allerdings noch nicht erschlossen.
Kurzum: Eine ökonomische Theorie, die ihre Analysen mit "Produktionsfaktoren" startet ohne diese bzw. deren Entstehung und Existenz sauber abzuleiten und die solche - wie die dargestellten - Fakten ausblendet, also Staat und Macht nicht als grundlegend anerkennt, bzw. solche nur subsidiär heranzieht, setzt an der falschen Stelle an.
Gruß!
(Korrektur in der Schriftformatierung. HM)
gesamter Thread:
- Münzhorte und ökonomische Theorie -
dottore,
03.05.2009, 12:03
- Hi dottore, -
Morpheus,
03.05.2009, 13:49
- Ausbeutung usw. -
dottore,
03.05.2009, 14:59
- Hortung und ökonomische Theorie -
Onkel Otto,
03.05.2009, 15:36
- Hortung -
dottore,
03.05.2009, 18:30
- Ja - nur der Eigennutz zählt! -
Onkel Otto,
03.05.2009, 19:22
- Geminnutz und Eingennutz grundsätzlich ohne Schnittmenge? -
azur,
04.05.2009, 03:03
- Ja - nur der Eigennutz zählt! -
Onkel Otto,
03.05.2009, 19:22
- Hortung -
dottore,
03.05.2009, 18:30
- Zu Verpflichtung von Eigentum: Keine Marotte, sondern klarer Steuermaximierungsauftrag -
Mephistopheles,
03.05.2009, 15:58
- Der Kern! -
dottore,
03.05.2009, 18:49
- Der Kern! -
dottore,
03.05.2009, 18:49
- Das Angebot kann ich nicht ungenutzt verstreichen lassen -
Morpheus,
03.05.2009, 16:27
- Toller Beitrag, einige Gedanken ... -
Michael Krause,
03.05.2009, 16:43
- Organisiere auch mit -
EvilGenius,
03.05.2009, 17:03
- Konfusion, nicht Konfuzius läßt grüßen. -
kapiernix,
03.05.2009, 17:14
- Antwort -
Michael Krause,
03.05.2009, 17:46
- Zentrales Geld steht auch auf meiner "Verbots-Liste" -
Morpheus,
03.05.2009, 18:00
- Kleine dezentrale Einheiten -
Michael Krause,
03.05.2009, 19:02
- Kleine dezentrale Einheiten -
Michael Krause,
03.05.2009, 19:02
- Zentrales Geld steht auch auf meiner "Verbots-Liste" -
Morpheus,
03.05.2009, 18:00
- Antwort -
Michael Krause,
03.05.2009, 17:46
- Alles entscheidend? -
dottore,
03.05.2009, 19:00
- Organisiere auch mit -
EvilGenius,
03.05.2009, 17:03
- Ja gern. D wäre auch passend. (oT)
- dottore, 03.05.2009, 18:51
- Gut, dann werde ich jetzt mal konkreter mt einem Vorschlag (Ort+Zeitbereich) -
Morpheus,
03.05.2009, 19:24
- FFM ist auch o.k. (oT)
- Michael Krause, 03.05.2009, 19:27
- FFM ist auch o.k. (oT)
- Kommt nach Berlin -
Michael Krause,
03.05.2009, 19:25
- Gerne Berlin -
Morpheus,
03.05.2009, 19:30
- Berlin (oT)
- inno, 05.05.2009, 22:50
- Gerne Berlin -
Morpheus,
03.05.2009, 19:30
- Gut, dann werde ich jetzt mal konkreter mt einem Vorschlag (Ort+Zeitbereich) -
Morpheus,
03.05.2009, 19:24
- Toller Beitrag, einige Gedanken ... -
Michael Krause,
03.05.2009, 16:43
- Große und kleine Empfehlung ... -
FESTAN,
03.05.2009, 17:47
- Hortung und ökonomische Theorie -
Onkel Otto,
03.05.2009, 15:36
- Gemeinwesen bottom-up -
beni,
04.05.2009, 08:28
- Ausbeutung usw. -
dottore,
03.05.2009, 14:59
- die Sammlung freut sich über Zuwachs (oT)
- Chef, 03.05.2009, 14:13
- Ohne Staat/Macht geht es nicht -
VulkanierJoerg,
03.05.2009, 17:09
- Ohne Macht nicht, die Frage ist, welche Rechte der Staat bekommt -
Morpheus,
03.05.2009, 17:32
- We the people... -
VulkanierJoerg,
04.05.2009, 00:19
- We the people... -
VulkanierJoerg,
04.05.2009, 00:19
- Ohne Macht nicht, die Frage ist, welche Rechte der Staat bekommt -
Morpheus,
03.05.2009, 17:32
- Danke für den Hinweis auf Oppenheimer -
azur,
04.05.2009, 02:10
- Oppenheimer = zirkulär -
moneymind,
04.05.2009, 03:54
- Dazu: -
dottore,
04.05.2009, 08:58
- Dazu: -
dottore,
04.05.2009, 08:58
- Hi dottore, -
Morpheus,
03.05.2009, 13:49