Wir sind in eine Einbahnstraße gefahren, die sich nun als Sackgasse herausstellt.
Nun haben wir den Salat - war ja klar.
Man muss zwische zwei Dingen unterscheiden:
1. Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB, also "Quantitative Easing"
2. Verleihen von Zentralbankgeld durch die Zentralbank an eine Geschäftsbank gegen Verpfändung von Staatsanleihen (oder anderen Sicherheiten) durch die Geschäftsbank
zu 1:
Hier wird das Problem deutlich, dass Quantitative Easing nicht rückgängig gemacht werden kann. Wenn die ZB eine Staatsanleihe zu 100 kauft, so schreibt sie diese 100 dem Verkäufer V auf seinem Konto gut und bucht in ihrer Bilanz "Verbindlichkeiten ggü. V: 100" (V kann seine 100 nun natürlich auf seinem ZB-Konto stehen lassen oder sich in bar auszahlen lassen, ganz wie er will). Gleichzeitig aktiviert sie die erworbene Staatsanleihe mit ihrem Kaufpreis, also ebenfalls 100. Die Bilanz der ZB ist ausgeglichen - so weit, so gut.
Sinkt nun aber der Marktpreis für die erworbene Staatsanleihe, so müsste die ZB normalerweise eine Wertberichtigung auf der Aktivseite vornehmen - schlecht für ihre Bilanz, denn die Passivseite bleibt ja gleich. Wenn dann - wie z.B. demnächst bei der FED - das Volumen an von der ZB gehaltenen Staatsanleihen 50 mal so groß ist wie ihr Eigenkapital, so reicht schon ein Rückgang der Marktpreise ihrer Aktiva um 2% aus, um die ZB in die Insolvenz zu schicken.
Die ZB kann sich nun retten, indem sie die erworbenen Staatsanleihen als "Hold to Maturity" klassifiziert, d.h., sie legt sich darauf fest, sie bis zur Fälligkeit zu behalten. In diesem Fall kann sie eine Wertberichtigung (zunächst einmal) vermeiden.
Verkaufen kann sie die Anleihen aber in keinem Fall, denn dann müsste sie die Verluste realisieren. Sinkt z.B. der Marktpreis ihrer Aktiva auf 80% des Kaufpreises, so wäre im FED-Beispiel schon bei einem Verkauf von lediglich 10% der Aktiva das Eigenkapital vollständig ausradiert (wie von Fabio neulich mal gepostet, sind die Bondpreise trotz (oder gerade wegen?) QE schon durchaus nennenswert gefallen, siehe: http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=195462). Ein Rückholen des QE-Geldes ist also nicht möglich, denn dafür müsste die ZB die im Wert gesunkenen Staatsanleihen am Markt verkaufen, die Verluste realisieren und sich selbst ruinieren.
"Jaaa, aber die ZB-Bilanzierung ist doch sowieso Tinnef!" werden einige jetzt sagen. Naja, das kann man vielleicht so sehen. Die Regierung könnte der ZB natürlich erlauben, das Bilanzieren einzustellen. Dann ist dem ersten Augenschein nach das o.g. Problem verschwunden.
Aber: Will die ZB nun QE rückgängig machen, so muss sie die erworbenen Staatsanleihen trotzdem wieder am Markt verkaufen. Und was bekommt sie dafür? Im o.g. Szenario 80% des Kaufpreises (es wäre vermutlich noch viel weniger, weil die Marktteilnehmer bei Einstellung der ZB-Bilanzierung vermutlich schreiend aus der Währung und den darauf lautenden Anleihen herauslaufen würde...). Und das heißt, dass sie selbst im besten Fall nur 80% des QE-Geldes wieder abgesaugt bekommt und 20% als Nettogeld im Markt bleiben - und zwar endgültig.
zu 2.:
Dieser Fall ist völlig anders gestrickt und man sollte ihn daher auf keinen Fall mit dem 1. verwechseln. (Er wurde übrigens schon vielfach von Walter Eichelburg beschrieben, aber außer den Goldbugs glaubt dem hier ja keiner ein Wort.)
Wie auch immer: Die Geschäftsbanken mit entsprechender Lizenz (Primary Dealers) können sich gegen Verpfändung von Sicherheiten bei der Zentralbank ZB- Geld leihen. So ein Wertpapierpenisonsgeschäft (so moneymind, hier darfst Du einsteigen, vorher nicht) ist dem Grunde nach nichts anderes als ein ganz normaler Kreditvertrag. Das in Pension gegebene Wertpapier bleibt Eigentum der Geschäftsbank, und diese trägt dementsprechend auch nach Abschluss des Wertpapierpensionsgeschäfts das Marktrisiko dieses Wertpapiers. Das Risiko der Zentralbank liegt im Gegensatz 1. nun ganz woanders, nämlich in einer möglichen Insolvenz der GB, weil die ihr ja jetzt ZB-Geld schuldet.
Geht die GB nun tatsächlich pleite und kann den Kreidt bei der ZB nicht tilgen, so kann die ZB ersatzweise auf die von der GB hinterlegten Sicherheiten zugreifen (und wird darüber hinaus ggf. aus der Insolvenzmasse bedient). Erst in diesem Moment wird die ZB Eigentümer des Wertpapiers, und erst ab diesem Zeitpunkt trägt sie das Marktrisiko.
Mit diesem Wissen sollte es nun einfach sein, das im verlinkten Artikel beschriebene Problem zu verstehen.
Erstens: Wenn es einen Run auf bestimmte Banken gibt, so können die ihre Gläubiger (vulgo: die Guthabenhalter) auszahlen (in bar oder per Überweisung an eine andere GB), indem sie sich bei der EZB ZB-Geld gegen Verpfändung ZB-fähiger Sicherheiten leiht (PIIGS-Staatsanleihen sind übrigens ZB-fähig). Das heißt übrigens: Es ist kaum möglich, irgendeine GB durch Bankrun in den Ruin zu treiben, denn mit der Rückendeckung durch die ZB ist das Illiquiditätsrisiko praktisch ausgeschlossen. Was bleibt, ist das Insolvenzrisiko.
Was passiert nun aber bei einer Insolvenz der GB, und die kann ja durch einen Haircut bei Staatsanleihen leicht ausgelöst werden? Nun, wie wir oben gesehen haben, bekommt die EZB in diesem Fall ihr Geld von der GB nicht zurück, sondern ersatzweise die hinterlegten Wertpapiere. Wenn aber die Geschäftsbank gerade wegen eines Haircuts bei diesen Wertpaieren insolvent wurde, so übertragen sich in dem Moment auch die Verluste aus dem Haircut auf die EZB. Hat die ZB der GB z.B. 100 geliehen und dafür eine vom Markt damals mit 100 bewertete griechische Staatsanleihe erhalten, so bekommt sie nun nicht mehr die 100 von der GB zurück, sondern ihr bleibt nur die auf per Haircut auf z.B. 50 abgewertete Anleihe. Und das würde für die EZB sofort die Insolvenz bedeuten, da das Volumen an bei ihr hinterlegten Wertpapiere nochmal um einiges größer ist als das Volumen der sich heute schon in ihrem Eigentum befindlichen Wertpapiere (diese hatten wir unter 1. abgehandelt).
Gute Nacht
Ludwig
gesamter Thread:
- Kapitalflucht in der Eurozone - oder: "Warum es keinen 'Haircut' für Bondgläubiger geben darf. Bitte um Hilfe -
Gaby,
14.12.2010, 09:33
- Gibt es die Transfer-Union also doch schon? - Kassandra, 14.12.2010, 11:39
- Worummmmms ... geht ... -
CrisisMaven,
14.12.2010, 13:22
- Gute Erklärung -
Mitch83,
14.12.2010, 14:01
- "Nicht-Zurückzahlen" ist auch gar nicht "schlimm" -
CrisisMaven,
05.01.2011, 14:33
- Staatsdefizit -
Mitch83,
05.01.2011, 15:40
- Put your money where your mouth is ... -
CrisisMaven,
05.01.2011, 16:12
- MMT - Mitch83, 05.01.2011, 16:36
- Put your money where your mouth is ... -
CrisisMaven,
05.01.2011, 16:12
- Staatsdefizit -
Mitch83,
05.01.2011, 15:40
- "Nicht-Zurückzahlen" ist auch gar nicht "schlimm" -
CrisisMaven,
05.01.2011, 14:33
- Geldschöpfung à la FED? -
Kassandra,
14.12.2010, 14:02
- ftalphaville: "Die EZB ist technisch insolvent" -
Gaby,
14.12.2010, 14:11
- EZB QE mit wertlosen PIG-Bonds? -
Kassandra,
14.12.2010, 14:33
- 30 Mrd. Kapitalabfluss allein in GR in diesem Jahr - Gaby, 14.12.2010, 15:05
- Der Begriff "insolvent" ist leider falsch ... Zentralbank in drei Tagen ... -
CrisisMaven,
14.12.2010, 16:28
- Stell dir vor... -
sensortimecom,
14.12.2010, 22:20
- Nein ... - CrisisMaven, 05.01.2011, 14:28
- Einige Fragen und auch direkte Widersprüche: die ZB-Bilanz spielt durchaus eine Rolle. -
BillHicks,
14.12.2010, 22:49
- Notenbank hat keine Schulden -
Miesespeter,
14.12.2010, 23:24
- Frei nach Caesar: "Auch du mein Sohn?!" (kannst Zentralbank nicht von Geldausgabestelle unterscheiden?) -
BillHicks,
15.12.2010, 00:08
- Wenn es nur so einfach waere.... - Miesespeter, 15.12.2010, 01:07
- Frei nach Caesar: "Auch du mein Sohn?!" (kannst Zentralbank nicht von Geldausgabestelle unterscheiden?) -
BillHicks,
15.12.2010, 00:08
- Vollkommen richtig - Danke, BillHicks -
Mieses von Ludwig,
15.12.2010, 00:23
- Langfristprognosen -
Miesespeter,
15.12.2010, 08:04
- Bald hammer's! - Mieses von Ludwig, 15.12.2010, 10:18
- Langfristprognosen -
Miesespeter,
15.12.2010, 08:04
- Wie der Ami so schoen sagt: "the taxpayer is always on the hook" -
CalBaer,
15.12.2010, 07:15
- Zweifelhaft -
Miesespeter,
15.12.2010, 07:37
- Fuer die Schuld des Steuerzahlers macht es keinen Unterschied -
CalBaer,
15.12.2010, 08:01
- Steuerzahler ist nicht Glaeubiger (edit) -
Miesespeter,
15.12.2010, 08:13
- habe ich nicht gesagt - CalBaer, 15.12.2010, 08:44
- Steuerzahler ist nicht Glaeubiger (edit) -
Miesespeter,
15.12.2010, 08:13
- Fuer die Schuld des Steuerzahlers macht es keinen Unterschied -
CalBaer,
15.12.2010, 08:01
- Zweifelhaft -
Miesespeter,
15.12.2010, 07:37
- Zentralbank und Vermoegenswerte ... - CrisisMaven, 05.01.2011, 14:25
- Notenbank hat keine Schulden -
Miesespeter,
14.12.2010, 23:24
- Stell dir vor... -
sensortimecom,
14.12.2010, 22:20
- EZB QE mit wertlosen PIG-Bonds? -
Kassandra,
14.12.2010, 14:33
- ftalphaville: "Die EZB ist technisch insolvent" -
Gaby,
14.12.2010, 14:11
- Gute Erklärung -
Mitch83,
14.12.2010, 14:01
- Wir sind in eine Einbahnstraße gefahren, die sich nun als Sackgasse herausstellt. -
Mieses von Ludwig,
15.12.2010, 00:01
- Kein Weltuntergang -
Mitch83,
15.12.2010, 00:37
- Hast Du mein Posting überhaupt gelesen? -
Mieses von Ludwig,
15.12.2010, 00:58
- QE, Staatsanleihen, IOR -
Mitch83,
15.12.2010, 12:22
- Und was ist... -
sensortimecom,
15.12.2010, 13:30
- Keine Theorie, nur Beobachtung -
Mitch83,
15.12.2010, 14:07
- Komplettkollaps? - sensortimecom, 15.12.2010, 16:46
- Keine Theorie, nur Beobachtung -
Mitch83,
15.12.2010, 14:07
- Und was ist... -
sensortimecom,
15.12.2010, 13:30
- QE, Staatsanleihen, IOR -
Mitch83,
15.12.2010, 12:22
- Welches EK hat der Staat noch? -
sensortimecom,
15.12.2010, 08:26
- Staatskapital -
Miesespeter,
15.12.2010, 09:16
- Und wenn die Leute... - sensortimecom, 15.12.2010, 10:07
- Staatskapital -
Miesespeter,
15.12.2010, 09:16
- Hast Du mein Posting überhaupt gelesen? -
Mieses von Ludwig,
15.12.2010, 00:58
- Banknote ist Forderung, aber Notenbank nicht Schuldner -
Miesespeter,
15.12.2010, 08:32
- Jetzt wird's spannend -
Mieses von Ludwig,
15.12.2010, 10:49
- Tanz auf des Messer's Schneide - Miesespeter, 15.12.2010, 11:39
- Kein reverse QE nötig - Mitch83, 15.12.2010, 11:51
- Jetzt wird's spannend -
Mieses von Ludwig,
15.12.2010, 10:49
- D und Fr Banken haben von April bis Juni für 31 Mrd. gr. Anleihen an EZB verkauft -
Gaby,
15.12.2010, 08:51
- Relation? - Miesespeter, 15.12.2010, 08:54
- Die Griechen sind über die Lösung doch froh! -
Kassandra,
15.12.2010, 11:37
- Das fällt unter Variante 2 - Mieses von Ludwig, 15.12.2010, 14:49
- Kein Weltuntergang -
Mitch83,
15.12.2010, 00:37
